Exklusiv-Interview: „Wir können lernen, besser mit Lärm umzugehen“

Durch die rosarote Brille sollten wir Lärm zwar nicht betrachten. Aber wir können unsere Sicht auf ihn so verändern, dass wir mit ihm entspannter – und gesünder – umgehen. Welche einfachen und gezielten Psycho-Strategien uns dabei helfen, verrät die Freiburger Diplom-Psychologin und Stress-Expertin Bettina C. Engemann beim vierten Tag der inneren Balance am 10. Oktober 2015. Der bundesweite Thementag steht in diesem Jahr unter dem Motto „Stressfaktor Lärm – wenn Stille Luxus ist“.

Frau Engemann, wie wirkt sich Lärm auf die Seele aus?

Sehr komplex. Vor allem ungewohnter oder dauerhaft lauter Lärm ärgert und nervt uns, macht uns wütend und aggressiv. Oder wir fühlen uns ihm hilflos ausgeliefert und ohnmächtig, schieben Frust und Resignation. Diese nachvollziehbaren emotionalen Reaktionen haben Auswirkungen auf unser Verhalten: Bei Ohnmacht und Hilflosigkeit halten wir den Lärm eher resigniert aus und ziehen uns zurück. Macht er uns dagegen wütend und aggressiv, suchen und ergreifen wir schließlich Maßnahmen, die den Lärmstress für uns beenden sollen. Auf unsere Mitmenschen reagieren wir dann leicht gereizt und ungeduldig, brechen sogar auch schon mal die Kommunikation mit ihnen ab.

Verändern Geräuschbelästigungen auch unsere Gedanken?

Auf jeden Fall! Sie kreisen um den Lärm und wir konzentrieren alle unsere Gedanken auf ihn. Wir warten geradezu auf neue Lärm-Attacken: Wann kommt er wieder? Wie laut wird er dieses Mal werden? Und wir polen uns von vornherein auf das künftige Geräuscherlebnis um: Das halte ich nicht mehr aus! Das schaffe ich nicht mehr! Hier kann ich ja nie Ruhe finden!

Welchen Einfluss hat diese negative Erwartungshaltung auf unsere Ge-sundheit?

Es kommt zur typischen körperlichen Stressreaktion, die unser Körper nicht nur bei Lärm, sondern bei allen Stressauslösern kennt. Sie schwächt zum Beispiel das Immunsystem, belastet Herz und Kreislauf und kann Kopfschmerzen verursachen. Zusätzlich kann der Stressauslöser Lärm zur Lärmempfindlichkeit führen oder sogar zu einer Lärmschwerhörigkeit. Da liegt es auf der Hand, dass diese gesundheitliche Beeinträchtigung unsere Lebensqualität und unser Wohlbefinden mindert. Das wiederum belastet psychisch und kann in letzter Konsequenz zu stressbedingten Folgekrankheiten wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.

Macht Lärm auch unsere Seele krank?

Durch ein Wechselspiel von körperlichen, psychischen und sozialen Belastungen kann es unter ungünstigen Bedingungen zu einem Leidensdruck kommen. Dann machen uns körperliche Beschwerden seelisch zu schaffen – und umgekehrt. In der Folge können Aggression, Wut, seelische Niedergeschlagenheit und Erschöpfung zum Beispiel zu Burn-out, Depressionen und Angststörungen führen. Es kann aber auch eine sogenannte Phonophobie auftreten, bei der nur bestimmte, negativ besetzte Geräusche als unangenehm bis unerträglich empfunden werden. Typisch: Die Betroffenen fühlen sich schon durch Geräusche belastet, bei denen andere Menschen keinerlei Beeinträchtigung spüren. Eine solche Situation liegt etwa vor, wenn allein das Klingeln eines Telefons als unerträglich laut empfunden wird. Oder wenn der Partner am Frühstückstisch die Zeitung umblättert. Es gibt aber auch körperliche Ursachen für eine starke Lärmempfindlichkeit, zum Beispiel Migräne, eine Gehirnhautentzündung, Epilepsie, Kopfschmerzen oder Fieber.

Und wann wird Lärm zum Stress?

Lärm wird als Stress empfunden, wenn er subjektiv besonders störend und belästigend ist – und nicht abgestellt werden kann. Das ist meist der Fall, wenn das Geräusch etwa eine besonders hohe Frequenz hat, plötzlich und unregelmäßig, bei sehr niedrigem Hintergrund-Geräuschpegel auftritt. Oder wenn Sprache und Inhalt impulshaltig, auffällig oder fremd sind. Aber auch, wenn man von vornherein eine negative Grundeinstellung zu diesem Geräusch hat. Dann nervt beispielsweise das Bellen eines fremden Hundes mehr als das Gebell des eigenen.

Können wir lernen, Lärm positiver und als weniger stressig zu bewerten?

Ja, in manchen Fällen lässt sich Lärm tatsächlich umdeuten – wir nennen das „reframen“. Das klappt, wenn wir dem Lärm etwa einen Sinn geben, wir uns klar machen, dass er einen Vorteil für uns hat oder zeitlich begrenzt ist. Ein gutes Beispiel ist der Bohrer des Zahnarztes. Immer wenn gebohrt wird, bringt mich das dem Ende der Behandlung näher. Oder wenn der Nachbar den Rasen mäht, weiß ich: Bald duftet es nach frischem Gras.

Gibt es Strategien für einen entspannte(re)n Umgang mit Lärm?

Ja. Es gibt kurzfristige Strategien, wenn der Lärm auftaucht und langfristige, die uns innerlich stabilisieren und auf lange Sicht unseren Umgang mit Lärm verändern. Zu den schnell wirksamen, sozusagen den SOS-Maßnahmen gehören beispielsweise: Handy, Fax und Telefon leise stellen, sich mit Ohrstöpseln gegen den Lärm im Großraumbüro schützen, bei lauter Gartenarbeit Kopfhörer aufsetzen, den Raum wechseln, TV oder Radio für längere Zeit ausschalten, Partys und Diskos meiden oder Gespräche mal im Flüstermodus führen. Fragen Sie sich auch, ob das wirklich Lärm ist, oder ob die Geräusche einfach zum Job dazugehören. Auch wie die Arbeitskollegen damit umgehen. Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie gerade tun und führen Sie ruhig mal Selbstgespräche. Und gönnen Sie sich nach akustischen Belastungsphasen mindestens doppelt so lange Ruhepausen – Momente der Stille und Ruhe eben.

Und die langfristigen Strategien?

Lärmgestresste sollten versuchen, ihr Wohn- und Berufsumfeld durch Lärmstopp-Maßnahmen zu optimieren. Dazu gehören zum Beispiel als ideale Lärmschlucker Grünpflanzen auf und um den Schreibtisch herum, bodentiefe Vorhänge statt Rollos, Wände mit schallabsorbierender Farbe, Teppichboden statt Laminat. Und holen Sie sich leise Technik ins Haus. Achten Sie etwa beim Kauf von Wasch-, Spülmaschinen und Trocknern auf das „Silence“-Siegel. Können Sie den Lärm nicht abstellen, machen Sie sich klar: Jeder ärgerliche Gedanke darüber ist reine Zeitverschwendung und stresst Sie oft mehr als der Lärm selbst. Leider läuft es immer wieder auf das berühmte „Love it, leave it or change it“ hinaus.

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