Matricaria recutita

Synonym: Chamomilla recutita

Deutsche Stoffbezeichnung: Kamille

Verwendet wird die frische, zur Zeit der Blüte gesammelte ganze Pflanze mit Wurzel von Chamomilla recutita (L.) Rauschert./Compositae.

Das homöopathische Einzelmittel Chamomilla ist aus der echten Kamille, Chamomilla recutita, gewonnen, bekannt als eines der wichtigsten Hausmittel in der Volksmedizin, zum Beispiel als Kamillentee. Die Kamille eignet sich speziell bei nervösen Erregungszuständen als Beruhigungsmittel. Die Patienten sind reizbar, übelgelaunt, ärgerlich, boshaft und schnippisch, eine typische Haltung die man bei unartigen Kindern jeden Lebensalters, besonders auch beim Zahnen der Kleinkinder, findet. Dabei ist die eine Backe rot, die andere blass. Die Kinder pflegen bei geringstem Anlass eventuell ununterbrochen zu schreien. Oft besteht dabei Fieber und häufig Diarrhö. Die typische Gemütsstimmung von Chamomilla liegt vielfach auch bei unklaren Kopf- und Ohrenschmerzen vor, für welche Chamomilla dann ein spezifisches Heilmittel ist. Die für Chamomilla typische Launenhaftigkeit ist nicht nur ein Prädikat kindlicher Patienten, sondern in jedem Lebensalter anzutreffen. Wenn Zorn und Ärgerzustände die psychische Lage charakterisieren, kann die Wahl auch zwischen Colocynthis, Bryonia, Aconitum, Ignatia, Nux vomica und Staphisagria zu treffen sein, wobei Chamomilla oft den Vorrang hat.

Aus allem geht schon hervor, dass Schmerzen eine Indikation für Chamomilla sind, wobei der Schmerz nicht im Verhältnis zur Schwere des Falles steht. Denn die Chamomilla-Patienten sind besonders überempfindlich und können Schmerz nicht aushalten. Bei solchen Fällen pflegen auch alle Antineuralgika, Schmerztabletten usw. völlig zu versagen. Ist aber Chamomilla das Simile – und diese Fälle sind nicht selten –, so pflegt Chamomilla rascher und durchgreifender als selbst Morphium zu wirken. Die Schmerzen pflegen nach einer Gabe Chamomilla dann oft in kürzester Zeit abzuklingen.

Schmerzzustände, bei denen Chamomilla erfolgreich zur Anwendung kommen kann, finden sich nicht nur bei Neuralgien, sondern auch bei Entbindungen, Zahnschmerzen. Mittelohrkatarrhen, Rheumatismus u.a. Immer dann, wenn die Patienten die typische Überempfindlichkeit der Chamomilla-Kranken aufweisen, kann Chamomilla mit Erfolg eingesetzt werden. Diese für Chamomilla-Patienten typische Überempfindlichkeit findet sich häufig bei Kaffeetrinkern und nach Reizmittelabusus.

Ein weiteres Charakteristikum des für Chamomilla typischen Schmerzes ist eine gewisse Benommenheit bei den Schmerzen, die auch von Nash als typisch für Chamomilla gekennzeichnet wird. Auch Lähmungszustände können bei den für Chamomilla typischen Schmerzen vorhanden sein. Eine wichtige Modalität des Chamomilla-Bildes ist die Eigentümlichkeit, dass die Schmerzen durch Wärme verschlimmert, und dass sie nicht, wie man es bei den für Pulsatilla typischen Schmerzen findet, durch Kälteanwendung gebessert werden. Der Chamomilla-Patient ist, allgemein gesehen, gegen Kälte äußerst empfindlich. Ja, durch Kälte werden seine Beschwerden sogar direkt hervorgerufen. Auch Schlaflosigkeit lässt sich durch Chamomilla beeinflussen, wenn sie nämlich mit großer Unruhe gepaart ist, welche man ähnlich auch bei Aconitum, Arsenicum und Rhus toxicodendron findet. Der Chamomilla-Patient muss nachts herumlaufen, ähnlich wie es bei Ferrum metallicum der Fall ist. Kinder kommen nicht eher zur Ruhe, bis sie auf den Arm genommen und herumgetragen werden.

Ganz besonders deutlich ist bei Kleinkindern und Säuglingen die für Chamomilla-Patienten charakteristische Nervenüberempfindlichkeit festzustellen. Das Chamomilla-Bild weist dabei ähnliche Erscheinungen auf, wie sie bei Calcium carbonicum gefunden werden, nämlich Kopfschweiß, der die Haare durchnässt, der jedoch im Gegensatz zu dem Calcium carbonicum-Schweiß warm ist. Auch Unterleibsschmerzen gehören zum Chamomilla-Bild.

Die für Chamomilla typischen Ohrenschmerzen sind drückend und reißend und zwingen zum Schreien, wobei eine besondere Empfindlichkeit der Ohren gegen kalte Luft besteht. Der für Chamomilla typische Zahnschmerz wird durch warme Getränke und Speisen verschlimmert. Charakteristisch für Chamomilla ist auch das Symptom, dass der Patient nach dem Essen oder Trinken im Gesicht schwitzt.

Wenn Zahnschmerz vorliegt, besteht ferner ein Gefühl, als wenn die Zähne zu lang wären. Beim Zahnen kommt es zu Diarrhö mit Stühlen, die heiß und grün, wässrig und wundmachend sind und wie faule Eier riechen. Intertrigo bei Säuglingen und entzündliche Erkrankungen, wie Otitis media, Drüsenschwellungen, Nabelkoliken, Gallenkoliken und Erregungszustände, Krampfwehen sind eine Indikation für Chamomilla. Die Schmerzen sind dabei so unerträglich, dass die Kranken zum Schreien gezwungen sind.

Der Geschmack bei Chamomilla-Patienten ist oft bitter, die Zunge ist belegt und es besteht Foetor ex ore. Auch rheumatische Beschwerden finden sich im Chamomilla-Bild. Chamomilla ist auch bei Arthritis der Schultern indiziert.

Wenn die Symptome von Chamomilla kurz zusammengefasst werden, ergibt sich ein vielgestaltiges Arzneimittelbild:

  • Überempfindlichkeit gegen jeden Schmerz, dabei Reizbarkeit, Boshaftigkeit, Ärgerlichkeit, eventuell Benommenheit und Lähmungsgefühl.
  • Entzündliche Erkrankungen (Inflammationsphasen) mit psychischer Überlagerung, zum Beispiel Dentition, Otitis media, Gastoenteritis, Dyspepsie, Nabelkoliken, sonstige Schmerzzustände wie bei Arthritis der Schultergelenke, Krampfwehen, Nabelkoliken. Kinder wollen dabei herumgetragen werden.
  • Eine Wange ist heiß und rot, die andere kalt und blass. Kopfschweiße wobei die Haare völlig durchnässt sind.
  • Neuralgien, Rheumatismus und Schmerzen zwingen zum Schreien.
  • Bitterer Geschmack. Belegte Zunge. Foetor ex ore. Stuhl wie gehacktes Ei oder wie gehackter Spinat, wundmachend.
  • Metrorrhagie mit dunklem, geronnenem Blut, mit Krampfanfällen. Menstrualkolik nach Ärger.
  • Wehen aufwärts drückend und innen an den Oberschenkeln entlangstrahlend, dabei Rigidität des Muttermundes mit unerträglichen Schmerzen. Unerträglich schmerzende Nachwehen.
  • Trockener Kitzelhusten im Schlaf, wird dabei nicht wach, schlimmer im Winter und bei nassem Wetter. Der Körper ist kalt und frostig, während das Gesicht und der Atem heiß sind (im Gegenteil zu Carbo vegetabilis).
  • Otitis media mit heftigen Schmerzanfällen. Drüsenschwellungen wie bei Skrofulose und Nabelkoliken. Gallenkoliken mit unerträglichen Schmerzen und Erregungszuständen. Verschlimmerung durch Ärger, Aufregung und Wärme. Dabei gleichzeitige Empfindlichkeit gegen Kälte.
  • Kinder- und Frauenmittel, jedoch auch beim männlichen Geschlecht entsprechend indiziert.
  • Unruhe, muss nachts aus dem Bett, Herumlaufen. Findet keine Ruhe vor den rheumatischen, neuralgischen Schmerzen.

Es wird oft übersehen, Chamomilla entsprechend den erwähnten Indikationen zu verabreichen, weil die Chamomilla-Zustände trotz der psychischen Überlagerung auch bei schwerwiegenden Indikationen vorkommen können, wenn Chamomilla auch grundsätzlich als Nervenmittel bei leichterer Erregung ohne bereits vorliegenden organischen Befund indiziert ist und bei fast allen Chamomilla-Fällen die Diskrepanz zwischen dem objektiven Befund und der gezeigten Gemütslage des Patienten die Entscheidung für die Chamomilla-Anwendung gibt. Die Chamomilla-Wirkung setzt in den meisten Fällen so überzeugend und charakteristisch ein, dass Chamomilla in fraglichen Fällen zumindest vor Anwendung schwerwiegender Maßnahmen, wie Operationen usw. versuchsweise zum Einsatz gebracht werden sollte. Wenn die Wirkung nicht augenblicklich oder nach wenigen Gaben zum Tragen kommt, bleibt dann immer noch Zeit für die weiteren therapeutischen Maßnahmen.

Kommission-D-Monographie

Die Aufbereitungskommission D hat in ihrer Monographie Chamomilla recutita die folgenden Hauptindikationen für Chamomilla im Bundesanzeiger veröffentlicht: Entzündungen der Atemorgane. Zahnungsbeschwerden. Entzündungen und Krämpfe der Verdauungsorgane, der weiblichen Geschlechtsorgane. Heftige Schmerzzustände. Reizbare Verstimmungszustände.