Atropa bella-donna

Synonym: Belladonna

Deutsche Stoffbezeichnung: Tollkirsche

Verwendet wird die am Ende der Blütezeit gesammelte, ganze, frische Pflanze von Atropa belladonna L./Solanaceae, ohne die verholzten unteren Stengelteile.

Die aus der Stammpflanze der Tollkirsche, Atropa belladonna, zubereitete Belladonnatinktur ist in ihren homöopathischen Verdünnungen eines der wirksamsten Polychreste. Es gibt wohl kaum eine Pflanze, die pharmakologisch bezüglich ihrer wirksamen Bestandteile (Belladonna-Alkaloide) gründlicher untersucht worden ist als die Belladonna.

Außer der Wirkung auf Ausscheidungsvorgänge, speziell der Harnabsonderung, der Kohlensäureausscheidung über die Atmungsluft wurde besonders die Wirkung auf die Gallenabsonderung festgestellt, welche unter Einfluss von Belladonna vermehrt wird.

Aber erst durch die homöopathischen Arzneimittelprüfungen ergibt sich das umfassende Filigran der Symptomatologie, welches Belladonna als eines der größten Polychreste der Homöopathie charakterisiert.

Die für Belladonna typischen Beschwerden verschlimmern sich vornehmlich in den Nachmittags- und Abendstunden sowie durch Berührung und Erschütterung, wobei eine allgemeine Überempfindlichkeit gegen kalte Luft besteht, während sich die Nervenschmerzen allgemein durch Kälte verschlimmern. Typisch ist auch das plötzliche Einsetzen aller Beschwerden. Auch kann es vorkommen, dass die Beschwerden weiterhin zunehmen und (speziell bei Nervenschmerzen) dann aufhören, um an einer anderen Stelle wieder aufzutauchen.

Charakteristisch für Belladonna sind heftige Delirien, vor allem im Fieber, aber auch Geistersehen, Halluzinationen von schrecklichen Gesichtern, Tieren und Insekten, verbunden mit Ängstlichkeit bei sonst scheinbar gesunden Patienten, besonders auch bei Kindern, die eventuell vorbehandelt waren mit Atropin-Augentropfen. Ein solcher von Dr. Hille (Reutlingen) beobachteter Fall konnte dann sehr rasch durch Injektionen eines Potenzenaccordes von Belladonna geheilt werden (siehe Homotoxin-Journal 9, 35 Heft 2, 1970). Häufig finden sich auch erregende, ängstliche Träume mit Aufschrecken im Schlaf, wobei eine typische Blutüberfüllung des Kopfes besteht. Dieses ist ein weiteres charakteristisches Symptom von Belladonna, dass der Kopf heißt ist, während die Extremitäten kalt sind. Ähnliche Zustände finden sich bei Chamomilla, das nach Nash ähnlich wie Belladonna eines der besten Mittel bei Kinderkrankheiten ist.

Häufig finden sich auch Kopfschmerzen, verbunden mit Schwindel sowie Benommenheit und Schlafsucht. Ebenso ist ein starkes besonders beim Liegen vorhandenes Pulsieren der Hals- und Schläfenarterien für Belladonna charakteristisch (ähnlich wie Glonoin), wobei wiederum das Drängen des Blutes zum Kopfe typisch hervortritt. Der Kopf kann im Ganzen gerötet sein und purpurrote Farbe annehmen, wobei auch Apoplexie auftreten kann und alle Kopfbeschwerden sich beim Niederlegen verschlimmern.

Bekannt ist auch die typische Wirkung von Belladonna auf die Augen, charakterisiert durch spezielle Symptome, wie sie bei der Atropin-Vergiftung bekannt sind. Es finden sich Krämpfe der Augen- und Augenlidermuskeln, Pupillenerweiterung und speziell ein konjunktivitischer Entzündungs- bzw. Reizzustand mit viel Lichtscheu, Tränenfluss und Schmerzen, verbunden mit Blutüberfüllung der inneren Gefäße, Schwachsichtigkeit, Trübsichtigkeit, Funkensehen, Feuersehen, Doppelsehen, Nebelsehen, so dass auch auf Affektionen der Netzhaut geschlossen werden kann. Typisch sind auch rechtsseitige Ziliarneuralgien (ähnlich wie Kalmia, Sanguinaria, Chelidonium u.a.).

Spezifische Wirkungen kommen der Belladonna außerdem zu bei allen lokalisierten Entzündungen, und zwar im ersten Stadium, wenn noch keine Suppuration erfolgt ist. Belladonna ist daher bei beginnenden Furunkeln, bei Angina tonsillaris, auch bei flächenhaften Entzündungen wie bei Erysipel, Konjunktivitis, Scharlach, ferner bei Otitis, Cholangitis, Meningitis und anderen entzündlichen Affektionen indiziert.

Besonders bei heftiger Fiebersteigerung können die delirösen Zustände in Erscheinung treten (ähnlich wie bei Stramonium, Hyoscyamus und Veratrum), wobei eine erhebliche Erregbarkeit aller Sinne und eine übermäßige Empfindlichkeit gegen Berührung, Geräusche, Licht, kalte Luft, besonders gegen Zugluft und gegen Erschütterung besteht, ähnlich wie es bei Apis mellifica der Fall sein kann (z.B. bei Meningitis).

Typisch ist auch eine Trockenheit im Hals mit rotem Rachen und Schluckbeschwerden, wie man sie bei Angina und Pharyngitis findet. Dabei sind die der Belladonna eigentümlichen Entzündungen durch die allgemeinen Erscheinungen der Entzündung, nämlich durch Rubor, Tumor, Calor, Dolor gekennzeichnet, wobei meistens auch Schweiße vorhanden sind, so dass das Bett des Belladonna-kranken Patienten, den man aufdeckt, dampft.

Außer Katarrhen der Nase mit meist nur geringer wässriger Absonderung finden sich Kehlkopf- und Luftröhrenkatarrhe mit wenig Schleimabsonderung, wobei Kitzelgefühl im Kehlkopf besteht und ein typischer trockener, auch rauer, bellender Husten (Belladonna hat Bellhusten!) und Heiserkeit. Auch Bluthusten kann auftreten, wenn die für Belladonna typischen blutüberfüllten Gefäße bei heftigem Husten bersten. Infolge der Blutüberfüllung des Lungenbindegewebes kommt es zu Atemnot und zu drückenden Schmerzen beim Atmen mit der typischen abendlichen und nächtlichen Verschlimmerung.

Auch die Schleimhäute der Mundhöhle sind entsprechend der für Belladonna typischen Blutüberfüllung und Anschwellung der Schleimhäute und des Unterhautgewebes sowie der Zunge mit hervorragenden Papillen hoch gerötet und dabei trocken, ebenso wie sich ein Katarrh des weichen Gaumens mit entzündlicher Schwellung, die von den Mandeln übergreift, finden kann, verbunden mit heftigem Durst.

Meist besteht dabei auch erschwertes und schmerzhaftes Schlucken, und – beim Versuch zu trinken – treten Schlundkrämpfe auf. An den Verdauungsorganen wirkt Belladonna bei akuten Magenkatarrhen, die mit heftigen Schmerzen im Magen und vor allen Dingen mit schwerem Druckgefühl verbunden sind, wobei der Schmerz in den Rücken ausstrahlt. Hier finden sich oft verwaschene Symptome, die auf eine Cholangitis oder Cholezystitis zurückzuführen sind und bei denen das gesamte Epigastrium beteiligt ist. Belladonna ist eines der wichtigsten Mittel bei Gallenblasenerkrankungen, auch bei Störungen der Gallensekretion und speziell bei Entzündungserscheinungen. Dabei findet sich oft fauliger, schlechter Geschmack, Übelkeit, Aufstoßen, Auftreibung der Magengegend mit Würgen und Erbrechen, auch Singultus.

Zahlreiche Belladonna-orientierte Symptome sind auf der rechten Körperseite lokalisiert (Galle, Kopfschmerzen, Tonsillitis u.a.), obwohl Belladonna natürlich auch bei linksseitigen Beschwerden mit den typischen Erscheinungen von Trockenheit der Schleimhäute usw. indiziert sein kann.

Der Verfasser hat einmal einen Extremfall von Protrusio bulbi mit einem Bella-donna-Potenzenaccord heilen können. Es handelte sich um eine 40jährige Landwirtin aus dem Schwarzwald, deren rechtes Auge enorm vergrößert aus der Augenhöhle herausragte. Die Protrusio bulbi, welche bisher jeglichen Behandlungsversuchen getrotzt hatte, bildete sich unter 3mal wöchentlichen Injektionen von Belladonna nach etwa zwei Monaten völlig zurück.

Eine typische Indikation für Belladonna sind auch scharlachähnliche Hautrötungen, wobei sich meistens ja auch eine Angina tonsillaris findet, so dass Belladonna bei Scharlach indiziert ist.

Belladonna kann aber auch generell bei allen Entzündungen gute Wirkungen entfalten, zum Beispiel bei Zystitis, Pyelitis und sonstigen lokalisierten Affektionen, besonders auch bei Kongestivzuständen des Uterus mit Herabdrängen (wie etwa Sepia, Lilium tigrinum, evtl. auch Nux vomica), wobei häufig typische Krämpfe und Kolikerscheinungen bestehen und zum Beispiel auch das Menstrualblut außergewöhnlich übelriechend sein kann.

Typisch für Belladonna ist (im Gegensatz zu Colocynthis) die Tendenz, sich geradezurecken (Opisthotonus), so dass man Belladonna auch bei Tetanus einsetzen kann. Stauffer berichtet über einen geheilten Fall.

Belladonna ist gewissermaßen das Anfangstherapeutikum für alle lokalisierten Inflammationsphasen, auch bei den akuten Erythemen wie Röteln, Masern, Scharlach, eventuell auch bei Erysipel gleich zu Beginn anzuwenden, sowie bei Tonsillitis, Furunkeln, Gallenblasenentzündungen und -koliken, Zystitis, besonders auch bei krampfartigen Erscheinungen, bei Ovariitis, Endometritis, ebenso bei Husten, Heiserkeit und Katarrhen der Luftwege, bei akuter Gastritis und ganz besonders bei entzündlichen Affektionen der Augenbindehäute, bei Protrusio bulbi und speziell auch bei Kopfschmerzen und Neuralgien, wenn diese beim Liegen sich nicht bessern, sondern eventuell verschlimmern, plötzlich auftreten, ebenso plötzlich aufhören und an anderer Stelle wieder erscheinen.

Belladonna ist ein so grundlegend wirksames Heilmittel bei allen akuten Erscheinungen lokalisierter Art, dass man es zunächst versuchsweise praktisch bei allen akut einsetzenden Beschwerden verabreichen kann. Häufig entwickelt sich dann ein anderes charakteristisches Symptomenbild heraus oder die Beschwerden klingen, falls der Zustand eine Indikation für Belladonna war, rasch ab.

Belladonna ist häufig nach Aconitum angezeigt, wenn die diffusen Erkältungsbeschwerden von Aconitum mit heißer, trockener Haut sich kritisch gelöst haben und nun lokalisierte Symptome nach Art einer Pharyngitis, Bronchitis usw. auftreten.

Wenn die Symptome von Belladonna noch einmal zusammengefasst werden, so ergibt sich folgendes typische Arzneiwirkungsbild:

  • Blutandrang zum Kopf. Extremitäten kalt. Kopf gerötet, kongestioniert. Apoplexie. Meningitis. Konjunktivale Infektion. Konjunktivitis. Protrusio bulbi. Exophthalmus rechts.
  • Pulsieren der Schlagadern. Herzklopfen, schlimmer beim Liegen.
  • Delirien und Verwirrungszustände. Halluzinationen.
  • Lokalisierte Entzündungen im ersten Stadium ohne Suppuration. Furunkel, Angina tonsillaris, Erysipel, Konjunktivitis, Scharlach, Otitis, Cholangitis u.a.
  • Schmerzen plötzlich auftretend und plötzlich verschwindend, besser durch Geraderecken des Körpers (Opisthotonus) versuchsweise bei Tetanus, schlimmer durch kalte Luft, Licht, Berührung, Erschütterung. Kopfschmerz, besonders rechts, schlimmer beim Tiefliegen, in den Nachmittags- und Abendstunden.
  • Dampfendes Bett bei Fieber. Trockene Schleimhäute. Bellender Husten. Bronchitis. Laryngitis. Pharyngitis.
  • Blutungen hellrot, rein, eventuell mit Klumpen versetzt. Übelriechendes Menstrualblut. Nasenbluten. Apoplexia cerebri. Hautblutungen.
  • Gallenkoliken. Erkrankungen der Gallenwege mit Neigung sich nach hinten zu recken (nicht einzukrümmen). Cholangitis. Cholezystitis. Cholelithiasis.

Kommission-D-Monographie

Die Aufbereitungskommission D hat in ihrer Monographie Atropa belladonna die folgenden Hauptindikationen für Belladonna im Bundesanzeiger veröffentlicht: Hochfieberhafte Entzündungen der Mandeln, der Atemorgane, des Magen-Darm-Kanals, der Harn- und Geschlechtsorgane, der Gehirnhäute, der Haut und der Gelenke.