Bryonia

Synonym: Bryonia cretica

Deutsche Stoffbezeichnung: Zaunrübe

Verwendet wird die frische, vor der Blütezeit geerntete Wurzel von Bryonia cretica L. ssp. dioica [Jacq.] Tutin./Cucurbitaceae.

Verwendet wird die frische, vor der Blütezeit geerntete Wurzel von Bryonia cretica L. ssp. dioica [Jacq.] Tutin./Cucurbitaceae.

Bryonia, die Zaunrübe, weist schon im Sinne der Signaturenlehre durch ihre äußere Gestalt auf die Symptomatologie hin. Die feinen, zarten, rankenden Zweige sind außerordentlich empfindlich gegen Bewegung und Berührung, ebenso wie der Bryonia-Patient. Werden sie von ihrer Unterlage gelöst, verwelkt rasch die ganze Pflanze. Die kräftige, bis zu 3 kg schwere Rübe, der die Pflanze ihren Namen verdankt, weil sie, in Europa weit verbreitet, an Hecken und nah an Zäunen wächst (Zaunrübe), weist nahe Beziehungen zum Wasserhaushalt auf und gibt einen gewissen Hinweis auf den großen Durst (auf Bier), ein Symptom welches typisch für Bryonia ist (sog. Kuhdurst: könnte einen Eimer Wasser oder Bier austrinken), dem nur noch in etwa der unersättliche Durst von Curare vergleichbar ist. Bryonia ist auch ein wichtiges Heilmittel bei Nierensteinleiden, Zystopyelitis u.a. Die rankenden Zweige und Blätter der Zaunrübe sind dem Hopfen sehr ähnlich. Dieses mag ein Hinweis auf den typischen Bierdurst sein.

Größere Gaben von Bryonia rufen Leibschmerzen, reichliche wässrige Diarrhö und selbst Erbrechen hervor. Experimentell zeigen sich nach hohen Bryonia-Gaben Entzündungen des Magens mit schwärzlichen Flecken der Schleimhaut sowie Kolitis.

Die Hauptwirkungen von Bryonia erstrecken sich, wie die Prüfungen erwiesen haben, auf Haut, Schleimhäute und besonders auf die seriösen Häute.

Typisch ist die Verschlimmerung der Beschwerden durch Bewegung allgemein sowie durch leise Berührung (ähnlich wie bei Apis mellifica) und in frischer Luft, während eine Besserung eintritt durch Ruhe, starken Druck auf die schmerzende Stelle und Aufenthalt im warmen Zimmer, umgekehrt der Husten, der sich beim Eintritt in ein warmes Zimmer verschlimmert.

Auch kann die Besserung durch Druck die vorherrschende Modalität sein (z.B. bei Nierenkolik), wobei Bewegungsdrang vorliegen kann und Bewegung als erleichternd empfunden wird.

Dabei ist die Gemütsstimmung gereizt, verdrießlich, ängstlich, ärgerlich und eventuell auch weinerlich. Der Bryonia-Patient kann auch zänkisch sein. Er hat häufig einen unruhigen Schlaf mit Aufschrecken, ärgerlichen und deliranten Träumen. Die Haut ist häufig ikterisch verfärbt (Bryonia ist auch ein wichtiges Lebensmittel). Es können sich aber auch Jucken und Ausschläge kleiner Knötchen und Bläschen zeigen, verbunden mit Abschilfern der Epidermis und Wundwerden an den Beugeseiten.

Typisch für Bryonia ist auch eine Schmerzhaftigkeit der Kieferwinkel, auch die akute Entzündung des Kiefergelenkes.

Besonders charakteristisch ist der Kopfschmerz von Bryonia, charakterisiert durch einen berstenden Schmerz mit eventuell pressenden Schmerzen in der Stirn, Schweregefühl und pulsierenden Stößen in den Schläfen, eventuell auch Stechen und Ziehen durch den gesamten Schädel, eventuell verbunden mit Schwindel und Neigung zum Rückwärtsfallen und allgemeinem Schwächegefühl, das am frühen Morgen am schlimmsten ausgeprägt ist.

Ähnlich wie bei Belladonna kann sich auch katarrhalische Konjunktivitis finden mit schleimig-eitrigen Absonderungen.

Weiterhin sind charakteristisch für Bryonia akute rheumatisch-entzündliche Erkrankungen, zum Beispiel rheumatische Gelenkschmerzen am Ellenbogen- und Handgelenk, aber auch an den Zwischenrippenmuskeln, Kreuzschmerzen und Lendenschmerzen, Arthritis der Kniegelenke, entzündliche Schmerzen im Fußgelenk, in den Zehengelenken, jedoch auch mit Beteiligung der Synovialmembran und der fibrösen Gewebe sowie der Muskulatur.

Damit wird Bryonia eines der wichtigsten Mittel bei akuter Polyarthritis sowie bei akutem Muskelrheumatismus, welcher speziell durch Druck, gegebenenfalls auch durch kräftiges Massieren gebessert wird, während bei der Polyarthritis äußerste Ruhe und jegliches Vermeiden von Bewegungen angenehm ist. Diese gegensätzlichen, sich anscheinend ausschließenden Symptome von Bryonia sind typisch bei Gelenk-Muskelaffektionen, indem einmal Ruhe bessert, andernteils aber starker Druck und Liegen auf der kranken Seite Erleichterung bringen.

Besonders typisch für Bryonia sind auch die katarrhalischen Erscheinungen der Schleimhäute, wie Katarrhe des Kehlkopfes, der Luftröhre mit Heiserkeit, Ansammlung von zähem Schleim und Hustenreiz, der – wie erwähnt – besonders beim Eintritt in ein warmes Zimmer erfolgt, wobei der Auswurf sich schwer löst und ein trockener Husten besteht. Dabei finden sich auch Brustbeklemmung und besonders Bruststiche, die nur beim tiefen Atmen auftreten. Diese Symptome findet man häufig bei Pleuritis, für welche Bryonia ein wichtiges Heilmittel ist, auch bei begleitender Pneumonie.

Ähnlich wie bei Belladonna können auch die Tonsillen entzündlich gerötet sein und schwieriges Schlucken wegen Stomatitis und Tonsillitis vorliegen.

Bei allen entzündlichen Erkrankungen, welche Bryonia erfordern, findet sich meist auch ein schlechter, fader oder bitterer Geschmack mit Appetitmangel und besonders ein heftiger Durst bei Tag und Nacht, wobei aber nach dem Trinken Unbehagen und Übelkeit auftritt, nach dem Essen auch Druckgefühl im Magen und eventuell Erbrechen des Genossenen erfolgt.

Die Zunge ist meist braun belegt. In der Magen- und in der Unterrippengegend rechts und links findet sich Druckgefühl und schmerzhaftes Spannen. Verstopfung kann mit Durchfall abwechseln oder es können weiche und diarrhöische Stühle mit Leibschneiden vorliegen. Der für die Bryonia-Obstipation typische Stuhl sieht „wie verbrannt“ aus und ist trocken.

Bryonia ist eines der wichtigsten Mittel bei Appendizitis. Man hüte sich aber hier, Bryonia in tiefer Potenz oral einzusetzen, da dann bisweilen unvermerkt eine kritische Zuspitzung mit Perforation des Appendix erfolgen kann und den eventuell deletären Folgen. Der Verfasser hat an vielen Fällen feststellen können, dass zum Beispiel nach reichlichem Sutoxingenuss (Schlachtplatten, frische Leberwurst, Eisbein, Rippchen und dergleichen) zunächst Gallenblasenreizungen auftraten, die auf Medikation von Belladonna und Chelidonium beziehungsweise geeigneten Kombinationspräparaten (antihomotoxische Homöopathika) dann rasch abklangen, woraufhin dann Obstipation und die für Bryonia typischen Zungenbefunde und sonstigen Symptome (Durst, Verlangen nach Ruhe u.a.) eintraten.

Wenn jetzt Bryonia D4 in häufigen Gaben eingesetzt wird, besteht die Gefahr der Perforation einer bis dahin nicht in Erscheinung getretenen latenten Appendizitis, die akut ohne jede Vorboten mit konsekutiver Peritonitis erfolgen kann. Man gebe daher bei solchen Erscheinungen und bei Verdacht auf akute Appendizitis niemals Bryonia in Tiefpotenz, sondern verwende höhere Potenzen (D30 oder noch höhere Potenzen), unter denen die Appendizitis, falls nicht ein sofortiges chirurgisches Eingreifen indiziert ist, unter laufender Beobachtung abklingen kann. Die chronische Appendizitis allerdings reagiert gut auf Tiefpotenzen von Bryonia.

Bryonia kann auch bei einer chronischen Gastritis sehr nützlich sein, bei welcher sonstige Präparate wie Pulsatilla, Arsenicum album, Argentum nitricum, Oxalis acetosella u.a. eventuell versagen. Der Verfasser hat einmal einen Fall schwerer chronischer Gastritis (keine Ulkusbildung) mit braun belegter Zunge, die zwar auch auf Antimonium crudum hin eine gewisse Besserung zeigte, dann durch Bryonia rasch heilen sehen. Es betraf einen 30jährigen Galvaniseur, der laufend mit Zyansalzen arbeitete und seit vielen Jahren an dieser chronischen Gastritis litt.

Die für Bryonia charakteristischen, stechenden Schmerzen treten nur bei Bewegung auf, im Gegensatz zu Colocynthis, wo die Stiche auch ohne besonderen Anlass einsetzen, ebenso bei Kalium carbonicum (Bruststiche rechts).

Bryonia ist auch ein Heilmittel für typhöse Fieber, wobei die Zunge meist braun belegt ist und oftmals Störungen des Sensoriums und Delirien vorliegen, wie zum Beispiel auch bei Meningitis, wenn der Unterkiefer in ständig kauender Bewegung ist (ebenfalls ein Bryonia-Symptom).

Die für Bryonia typische Ausdörrung und Trockenheit der Schleimhäute, in Verbindung mit dem für Bryonia-Patienten außergewöhnlichen Durst zeigt sich auch an den Lungen und Bronchien durch harten, trockenen Husten mit Stichen, Wundheit und Schmerzen, wobei sich dieser Husten nach Anwendung von Bryonia leichter löst. Typisch für den Husten von Bryonia ist übrigens das Symptom, dass der Patient beim Husten Kopf und Brust festgepresst hält, weil er dadurch Linderung erfährt, ebenso wie der Bryonia-Kopfschmerz durch Druck, zum Beispiel auf die Nervenaustrittsstellen (Okziput) gebessert wird.

Bryonia kann auch bei Folgen von Überhitzung im Sommer indiziert sein, zum Beispiel bei Fällen von Diarrhö, welche eventuell einer Austrocknung der Schleimhäute vorangehen kann.

Auch bei vikariierendem Nasenbluten an Stelle der Menses sowie bei zurückgetretener Milch bei Wöchnerinnen, bei eventuell konsekutiver Mastitis ist Bryonia indiziert (hier am besten mit Hepar-sulfuris- und Mercurius-solubilis-Potenzenaccord-den als Mischspritze).

Wenn die Hauptsymptome von Bryonia zusammengefasst werden, so ergibt sich etwa folgendes wesentliche Arzneimittelbild, durch welches Bryonia zu einem großen, oft benötigten Polychrest wird:

  • Beschwerden schlimmer von Bewegung, nach dem Essen, durch Ärger, besser durch Ruhe und Druck sowie Liegen auf der kranken Seite. Ärgert sich leicht (Anarcardium schimpft).
  • Stechende Schmerzen, schlimmer von Bewegung, besser durch Ruhe. Berstende und stechende Kopfschmerzen. Trigeminusneuralgie (rechts). Pleuritis acuta. Interkostalneuralgien (neben Ranunculus bulbosus).
  • Polyarthritis rheumatica acuta und chronica. Pleuritis acuta mit stechenden Schmerzen beim Husten. Peritonitis. Appendicitis acuta (Hochpotenzen!) und chronica. Mastitis. Muskelrheuma.
  • Typhöse Fieber mit Störungen des Sensoriums, Meningitis mit ständig kauender Bewegung des Unterkiefers.
  • Durst auf große Mengen Bier (typisch bei Fieber usw.). Nierensperre bei Nephrolithiasis, Druck bessert. Pyelitis. Nierenkoliken.
  • Husten trocken mit Stichen in den Pleuren, besonders bei Eintritt in ein warmes Zimmer, draußen besser. Hält Kopf und Brust beim Husten mit den Händen. Akute Erkältungskatarrhe allgemein, auch Stomatitis und Tonsillitis.

Kommission-D-Monographie

Die Aufbereitungskommission D hat in ihrer Monographie Bryonia cretica die folgenden Hauptindikationen für Bryonia im Bundesanzeiger veröffentlicht: Akute Entzündung der Atemorgane, des Rippenfells, des Bauchfells, der Leber. Akuter und chronischer Rheumatismus.