Carbo vegetabilis

Deutsche Stoffbezeichnung: Holzkohle

Verwendet wird die gut ausgeglühte Kohle von Rotbuchen- oder Birkenholz.

Carbo vegetabilis, die Holzkohle, ist allgemein als Absorbens- und Entgiftungsmittel bekannt, durch welches zahlreiche Gifte, zum Beispiel Alkaloide, aber auch Eiweißgifte usw. unschädlich gemacht werden können. Eine ähnliche Entgiftungswirkung wird auch bei den homöopathischen Zubereitungen von Holzkohle deutlich, wenn diese auch nicht so offensichtlich lediglich durch Adsorption der Toxine zustande kommt, sondern wie bei allen Homöopathika durch Anregung des Systems der Großen Abwehr. Wenn Carbo vegetabilis in homöopathischer Potenz und Verdünnung gereicht wird, spielen diese Adsorbtionsfaktoren direkt offenbar keine Rolle mehr, sondern es scheinen durch Carbo vegetabilis-Dynamisationen, speziell solche in höchster Verdünnung, Abwehrmechanismen mit Giftadsorptionseffekten spezifisch angeregt zu werden, zum Beispiel das Retikuloendothel, das für Speicherungsmechanismen bekannt ist.

Carbo vegetabilis ist homöopathisch daher dann indiziert, wenn schwere Giftlagen vorliegen, das heißt wenn Erschöpfungszustände infolge Giftüberlastung bei irgendwelchen schweren Erkrankungen auftreten, einerlei ob es sich um Herzaffektionen, Apoplexia cerebri, Typhus, Pertussis, Asthma, Emphysem, Ulcera cruris oder sonstige Erscheinungen handelt. In solchen Fällen kann Carbo vegetabilis, in entsprechender Potenz dargereicht (besser wirken hier nach allgemeiner Erfahrung Hochpotenzen), lebensrettend wirken, wie immer wieder festgestellt werden kann. Carbo vegetabilis weist dabei ein besonderes Leitsymptom auf, nämlich kollapsbedingte Eiseskälte der Haut, des Körpers und trotzdem dabei Verlangen nach frischer Luft, wie es auch bei Fällen beginnender Atemlähmung auftreten kann. Diese Patienten, einerlei ob es sich um Asthma, Herzschwäche, Kollapszustände sonstiger Genese handelt, zum Beispiel auch nach Unfällen, liegen oft unbedeckt und fühlen sich angeblich wohl dabei, verlangen sogar danach, obwohl die vorliegende Kreislaufschwäche dadurch offensichtlich nur noch gesteigert wird. Die vegetativen Zentren des Mittelhirns und des verlängerten Marks sind bei solchen Kranken oder Verletzten fast erschöpft. Der Atem ist kalt, der Puls setzt aus, ist fadenförmig, dabei besteht, ähnlich wie bei Veratrum album-Fällen, kalter Schweiß an den Gliedern. Auch kann eine bläuliche Verfärbung der Haut, ähnlich der prämortalen Zyanose eintreten, bedingt durch Kreislaufschwäche, Sympathicus-Erschöpfung mit konsekutiver arterieller Stagnation des Blutes und Unfähigkeit, den Sauerstoffbedarf durch die Atmung zu befriedigen, zum Beispiel auch beim Asthmaanfall. Auch Ekchymosen und Sugillationen sind möglich. Der Kranke verlangt trotz dieser erlöschenden Lebenswärme dauernd nach kühler Luft, die ihm zugefächelt werden muss, er steht ganz am Rande der endgültigen physischen Erschöpfung. In solchen Fällen, wenn zum Beispiel schwere Infektionskrankheiten, wie Typhus usw. vorliegen, können auch Zahnfleisch-, Darm- und Schleimhautblutungen auftreten. Diese sind aber nicht der entscheidende Faktor, der zur Verordnung von Carbo vegetabilis führt, sondern es ist das „hippokratische Gesicht“, die Erschöpfung, der Kollaps, aus dem die Kranken durch Carbo vegetabilis oft überraschend herausgeführt werden können.

Auch sonstige Kollapszustände, zum Beispiel post operationem oder bei Schockerscheinungen jedweder Art, sprechen generell rasch und dauerhaft auf Carbo vegetabilis an, noch offenkundiger in Kombination mit Veratrum album, so dass man die Kombination von Veratrum album und Carbo vegetabilis, parenteral appliziert, als homöopathische Kreislaufspritze bezeichnen könnte. Solange die Abwehrkräfte des Organismus überhaupt noch weckbar sind, wird man dieses oft mit Carbo vegetabilis erzielen und die Wiedererholung von Kranken sehen können, deren Situation sonst offensichtlich hoffnungslos war, und zwar bei Zuständen von Kollaps und Darniederliegen der Lebenskraft, bei Asthma, Pertussis, bei Unfällen usw.

Es ist an sich erstaunlich, dass ein so tiefgreifend und praktisch ohne Versager wirkendes Homöopathikum nicht auch in der allgemeinen Medizin mehr Anwendung findet. Es mag dieses daran liegen, dass viele Kollegen sich an den hohen Potenzen (D12, D30) stoßen, die in solchen Fällen zum Einsatz kommen müssen. Trotzdem kann man gerade daran den Wert der Hochpotenzen ermessen, wenn immer wieder gleichmäßige Wirkungen bei ein und derselben Indikation feststellbar sind.

Carbo vegetabilis hat noch eine Reihe anderer Symptome, die nichts mit Kollaps zu tun haben, nämlich entartetes, schwammiges Zahnfleisch, das beim Berühren, oder wenn man daran saugt, blutet und das sich von den Zähnen zurückschiebt, wie man es bei Parodontose findet. Auch Schwächegefühl im Magen, verbunden mit Übersäuerung und Sodbrennen wird durch Carbo vegetabilis günstig beeinflusst, speziell dann, wenn Pulsatilla hierfür nicht wirksam ist. Blähungen sind charakteristisch für Carbo vegetabilis, und zwar speziell, wenn sie im Epigastrium auftreten. Auch Brennen im Magen, wie man es bei Dedifferenzierungsphasen oder bei Präkanzerose findet, kann durch Carbo vegetabilis günstig beeinflusst werden. Laryngitis und Heiserkeit, die schlimmer in der feuchten Luft ist und hauptsächlich abends auftritt, wird durch Carbo vegetabilis ebenfalls günstig beeinflusst, demgegenüber die Morgenheiserkeit besser durch Causticum. Bei Bronchitis und Asthma alter Leute mit erschöpfter Konstitution ist Carbo vegetabilis, wie dargelegt, oft lebensrettend wirksam, zum Beispiel auch bei beginnendem oder ausgeprägtem Lungenödem. Es ist nur natürlich, dass Carbo vegetabilis auch eine ausgezeichnete Hilfe bei Bronchialasthma bietet, besonders auch beim Status asthmaticus, wo es mit Sulfur und Bryonia am besten i.v. injiziert wird.

Wenn bei Asthma Schleimrasseln besteht und der Kranke den Schleim nicht herausbefördern kann, auch wie erwähnt, zum Beispiel beim Lungenödem, soll Carbo vegetabilis zum Einsatz kommen. Brennen, wie von glühender Kohle mit Ermüdungsgefühl auf der Brust, im Magen und in anderen Organen wird oft durch Carbo vegetabilis gebessert.

Außer kaltem Atem und kalter, feuchter Haut sind auch kalte Knie, speziell nachts, so dass der Patient davon aufwacht, ein typisches Symptom für Carbo vegetabilis.

Der Carbo vegetabilis-Patient verträgt übrigens auch keinen Alkohol und leidet danach an dyspeptischen Erscheinungen. Die oft so schwer beeinflussbare Glossitis aphthosa ist ebenfalls eine Indikation für Carbo vegetabilis, ferner heraustretende Hämorrhoiden mit bläulichen Knoten. Bei Ulcera cruris ist Carbo vegetabilis ebenfalls bewährt.

Ein gutes Wechselmittel zu Carbo vegetabilis ist China, welches ebenso wie Carbo vegetabilis ein Schwächemittel darstellt, das allerdings mehr bei chronischen Zuständen indiziert ist.

Carbo vegetabilis ist eines der Mittel, mit denen die Wirkung der Hochpotenzen besonders klassisch experimentell unter Beweis gestellt werden kann, speziell in solchen Fällen, die auch auf die übliche schulmedizinische Therapie bei schwersten Erschöpfungs- und Kollapszuständen nicht mehr ansprechen. Wenn die Situation hoffnungslos erscheint, der Exitus wegen Versagens des Kreislaufes offenbar nur noch eine Frage von Minuten ist, wenn Exzitantien nicht mehr wirken, mache man auch bei Fällen allgemeiner Art, die zunächst keine Carbo vegetabilis-Indikation aufzuweisen scheinen, noch einen Versuch mit diesem großen Polychrest, dessen Wirkungen oft so unglaublich sind, dass sich der medizinisch gebildete Therapeut genieren mag, darüber zu berichten.

Der Carbo vegetabilis-Effekt drängt uns geradezu, den Wirkungsmechanismus der Hochpotenz in unermüdlichen Forschungsbemühungen aufzuklären zu versuchen, wenn auch bis heute hierüber nur Hypothesen existieren, mit denen die experimentellen Ergebnisse noch nicht befriedigend erklärt werden können. Der Anwendung derartig hochwirksamer Zubereitungen in Hochpotenz steht die bisherige Unmöglichkeit einer exakten Erklärung dabei jedoch keineswegs entgegen, denn die mit Hochpotenzen von Carbo vegetabilis bei geeigneten Fällen erzielten Wirkungen sind offensichtlich.

Wenn Symptome von Carbo vegetabilis noch einmal kategorisiert werden, so ergibt sich folgendes Arzneimittelbild:

  • Kältemittel: Kalte, feuchte Haut, kalter Atem, kalte Knie.
  • Kollapszustände bei verschiedensten Erkrankungen, bei Typhus, Apoplexie, Herzmuskelschwäche, Schockzuständen (nach Verkehrsunfällen) usw. mit Verlangen, die Fenster zu öffnen. Herzpalpitationen.
  • Herzmuskelschwäche mit typischer Dyspnoe, eventuell Lungenödem und beginnende Atemlähmung.
  • Asthma bronchiale mit Lufthunger, kaltem Schweiß, Kollaps.
  • Aufblähung im Magen mit Brennen in der Magengegend.
  • Glossitis aphthosa mit blutendem Zahnfleisch, welches schwindet (Parodontose).
  • Bläuliche Hämorrhoiden, heraustretende Knoten.
  • Nächtlicher Pertussis mit Erstickungsgefühl und Verlangen nach zugefächelter Luft.
  • Verträgt keinen Alkohol, danach Dyspepsie, Flatulenz und Blähungen, vor allen Dingen oben im Magen.
  • Laryngitis mit Heiserkeit abends.
  • Ulcera cruris mit brennenden Beschwerden.
  • Erschöpfung und Verfall der Lebenskräfte allgemein, auch bei Dedifferenzierungsphasen.

Kommission-D-Monographie

Die Aufbereitungskommission D hat in ihrer Monographie Carbo vegetabilis die folgenden Hauptindikationen im Bundesanzeiger veröffentlicht: Krampfaderleiden, Entzündung der Atemwege. Heiserkeit. Schwäche der Verdauungsorgane mit Blähsucht. Schleimhautblutung. Herz- und Kreislaufschwäche.