Crataegus

Deutsche Stoffbezeichnung: Weißdorn

Verwendet werden die frischen, reifen Früchte der in Hecken, Zäunen, an Waldrändern in Europa und in den gemäßigten Teilen von Asien wachsenden Stammpflanze Crataegus laevigata (Poir.) DC. und Crataegus monogyna Jacq. emend. Lindm. und ihren Bastarden (Rosaceae).

Weißdorn ist ein herz- und kreislaufwirksames Phytotherapeutikum, das selbst bei versehentlicher Überdosierung und Dauergebrauch keine toxischen Nebenwirkungen entfaltet. Crataegus wird nicht nur als Herztonikum allgemein sondern auch bei postinfektiöser Herzschwäche, das heißt bei retoxischen Imprägnationsphasen angewandt und kann speziell bei Altersherz zur Langzeitbehandlung eingesetzt werden. Über Crataegus sind in den letzten Jahren zahlreiche Arbeiten erschienen, die sich mit der Pharmakodynamik des Weißdorns beschäftigen. R. F. Weiss (Hippokrates 602, 15 [1963]) bezeichnet Crataegus als eines der meistgebrauchten Mittel, vorwiegend in der „Kleinen Herztherapie“.

Damit steht Crataegus wirkungsmäßig in einem gewissen Gegensatz zu der von Withering Ende des 18. Jahrhunderts entdeckte Digitalis, die im Rahmen der sogenannten „großen Herztherapie“ angewendet wird. Die grundlegenden Wirkungen der Crataegustinktur pflegen meist erst nach einer gewissen Anlaufzeit in Erscheinung zu treten, während sich die Patienten auch schon nach wenigen Gaben leichter und leistungsfähiger fühlen. Die pektanginösen Beschwerden mit Druck in der Herzgegend, Beklemmungsgefühl, leichter Atemnot usw., pflegen oft unmittelbar, bei längerem Gebrauch dann auch dauerhaft abzuklingen, speziell wenn zusätzliche Einzelmittel mit Crataegus kombiniert werden (Spigelia u.a.).

Während Digitalis als souveränes Mittel für die manifeste Herzinsuffizienz bezeichnet werden kann (Weiss), ist Crataegus mehr für degenerative Zustände am Herzen indiziert, speziell für das Altersherz, die Herzhypertrophie bei Hypertonie, bei Folgen von Myokardinfarkten und Myokardfibrose, bei Koronarsklerose und bei pektanginösen Beschwerden. Daher eignet sich Crataegus ausgezeichnet auch zur Prophylaxe der Angina pectoris und ist bereits bei den geringfügigsten Erscheinungen indiziert, da die Wirkung dann auch unmittelbar und durchgreifend in Erscheinung zu treten pflegt, während bei manifester Herzinsuffizienz zunächst auch Digitalis-Zubereitungen indiziert sind.

Die Wirkung der Crataegus-Zubereitungen beruht hauptsächlich auf Flavonoiden und anderen Wirkstoffen, die von den Digitaloiden eine völlig abweichende Wirkung zeigen. Im Experiment konnte die Herzkraft als solche mit Crataegus-Zubereitungen nicht gesteigert werden. Die herzkraftsteigernde Wirkung des Crataegus-Ex-traktes pflegt ja auch erst nach längerer Verabreichung einzutreten. Weiss nennt drei Angriffspunkte der Crataeguswirkung, nämlich:

1. eine Verbesserung des koronaren Durchflusses,

2. eine Einwirkung auf den Herzmuskel selbst, und zwar auf die interstitiellen Zellgruppen des Myokards, wobei diesen die Energielieferung für die Fibrillen zugeschrieben wird, und

3. eine Einwirkung auf das Reizleistungssystem, wobei dieser Effekt hauptsächlich bei intravenöser Injektion größerer Dosen zu beobachten ist.

Wahrscheinlich wirkt Crataegus auch als allgemeines Zellstimulans, wie aus neunjährigen Fütterungsversuchen von Klatt, dem früheren Direktor des Zoologischen Instituts der Universität Hamburg hervorgeht, der 1956 berichtete, dass bei der Züchtung des Schwammspinners (Ocneria dispar) eine Zucht, die offensichtlich infolge einer Fehlfütterung dem Aussterben nahe war, dann radikal auf Weißdornblätter umgestellt wurde, woraufhin sich die bisher neun Jahre lang mit Erlenblättern gefütterte Spannschwimmerzucht völlig regenerierte und keinerlei Verluste mehr durch die sonst regelmäßigen Infektionskrankheiten erlitt, wobei sich andernteils große kräftige Falter mit Eiablagerung von mehreren hundert Eiern pro Tier entwickelten. Klatt hat nach sechsjähriger Beobachtung über diese positiven Befunde, die weiterhin anhielten, berichtet und die Umstellung der Fütterung auf Crataegusblätter als die Ursache der Aufbesserung der Zucht angesehen. Er schreibt dem Crataegus die Wirkung einer allgemeinen Zellstimulanz zu.

E. Holtzem vom Pharmakologischen Institut der Universität Bonn hat die Fütterungsversuche mit Crataegus an der Fliege Drosophila melanogaster nachgeprüft, und hat bei fünf Generationen gegenüber den Kontrollkulturen, die mit Normalfutter ernährt wurden, eine deutliche Vermehrung der Nachkommen gefunden, wenn zusätzliche Gaben von Crataegusblättern gereicht wurden. Auch die Fütterung von reiner Oleandersäure, welche eine der Triterpensäuren des Weißdorns ist, führte hierbei zu gleichem Ergebnis.

Weiss ordnet die Schwerpunkte der Digitalistherapie mehr der Klinik zu, während die Crataegusverordnungen hauptsächlich in der Praxis angewandt werden können. Weiss hält dabei die laufende Therapie mit Crataegus für erforderlich und misst der Größe der Einzelgaben keine so große Bedeutung zu.

Wie ferner aus den Versuchen mit Ocneria dispar hervorgeht, ist die Wirkung von Crataegus nicht allein auf den Kreislauf beschränkt, sondern dehnt sich auch auf andere Systeme aus. So lässt sich beim Menschen nicht nur eine Herzwirkung, sondern auch eine allgemeine tonisierende Kreislaufwirkung feststellen, indem Crataegus auch regulierend auf den Blutdruck wirkt und dabei gleichzeitig auch die Spannung im peripheren Kreislauf reguliert, wobei die Blutdruckregulierung zum Teil über zentrale, zum Teil über periphere Angriffspunkte zu erfolgen scheint.

Bei übersichtlicher Darstellung ergeben sich folgende Hauptindikationen für Crataegus:

  • Herzmuskelschwäche, auch solche toxischer Art, zum Beispiel bei retoxischen Imprägnationsphasen (infektiös toxische Herzmuskelschwäche).
  • Myokarditis, Myokardosen.
  • Altersherz. Sportherz. Fettherz.
  • Hypertonie. Arteriosklerose allgemein.
  • Koronarsklerose. Koronardurchblutungsstörungen mit pektanginösen Beschwerden.
  • Zur Kreislaufstütze bei Infektionen und Fieber (Grippe, Pneumonie usw.).

Kommission-D-Monographie

Die Aufbereitungskommission D hat in ihrer Monographie Crataegus die folgenden Hauptindikationen im Bundesanzeiger veröffentlicht: Herz- und Kreislaufstörungen wie Herzschwäche, Altersherz, Herzrhythmusstörungen, Angina pectoris und Störungen des Blutdruckes.