Hyoscyamus niger

Deutsche Stoffbezeichnung: Bilsenkraut

Verwendet wird die ganze frische, blühende Pflanze von Hyoscyamus niger L./Solanaceae.

Eine nahe Verwandtschaft besteht zwischen den drei Solanazeen Hyoscyamus, Belladonna und Stramonium. Der Hauptwirkstoff von Hyoscyamus ist das Alkaloid Hyoscyamin, welches jedoch auch in Belladonna und in Stramonium enthalten ist. Das Gleiche gilt für das Tropan-Alkaloid Atropin und somit auch das Gemisch aus beiden: Daturin.

Daturin erweitert konstant die Pupille, ruft große Trockenheit der Mund- und Rachenhöhle, des Kehlkopfes und der Luftröhren, der äußeren Haut und auch Schluckbeschwerden sowie Heiserkeit hervor. In größerer Gabe erzeugt es eine Eingenommenheit des Kopfes mit Schwindel, Halluzinationen und Delirien. In kleineren Dosen setzt es die Tätigkeit des Herzens herab und vermindert die Pulsfrequenz, während bei großer Gabe nach rasch eingetretener Verminderung der Pulsfrequenz konsekutiv kompensatorisch eine ebenso rasche Steigerung über die Norm ausgelöst wird.

Während Atropin fast stets in größerer Gabe ein Hauterythem, wie eine scharlachähnliche Rötung der Haut, hervorruft, wird dies von Hyoscyamin meistens nur ausnahmsweise bewirkt.

Atropin ruft in der Regel ein ekstatisches Delirium mit Neigung zum Ringen, Raufen, Lachen und aufgeregtem Wesen hervor, wobei andernteils eine ungemeine Hinfälligkeit und große Muskelschwäche besteht. Bei Hyoscyamin ist beides nicht der Fall, sondern es herrscht Neigung zu Schlaf und Ruhe vor. Lediglich bei zu hohen Dosen machen sich die atropinähnlichen Erregungszustände bemerkbar.

Atropin bewirkt auch Lähmungen der After-, Blasen-Schließmuskeln im Gegensatz zu Hyoscyamin, welches auf die Sphinktere der Iris im stärkeren Maße lähmend wirkt als Atropin. Hyoscyamin ist nicht identisch mit Atropin.

Bei längerem Gebrauch treten nach Hyoscyamin starke Blutungen aus der Gebärmutter auf sowie Schweiße und eigentümliche Hautausschläge.

Für Hyoscyamus ist die Verschlimmerung der Beschwerden in den Abendstunden charakteristisch, wobei ein unwiderstehlicher Hang zum Schlafen und zu wachen Träumen vorherrscht mit langem und tiefem, betäubungsähnlichem Schlaf, der durch Zähneknirschen gekennzeichnet ist (!).

Außer Erregungszuständen mit großer Unruhe, Beweglichkeit und vielem Reden, finden sich leidenschaftliche Heftigkeit, Eifersucht, Raserei und Wutanfälle, in Gegentaktwirkung aber auch herabgedrückte Stimmung bis zur Melancholie und stumpfe Gleichgültigkeit (bei chronischen Vergiftungen).

Die Hauterscheinungen sind Jucken und Rötung. Braune Flecken erscheinen hier und dort und verschwinden wieder. Typisch ist ein aufgedunsenes und dunkel gerötetes Gesicht mit Eiterbläschen an den Lippen und pustulösen Affektionen an Kinn und Wangen sowie in der Hüft- und Kniegegend.

Auch eine entzündliche Parotis und entzündliche Tonsillen finden sich im Arzneimittelbild von Hyoscyamus.

Ganz besonders aber sind Störungen der intellektuellen Funktionen mit Erregung und eventuell konsekutiver Schwächung typisch mit albernen Reden, törichten Gebärden und Handlungen, die eine Begriffsverwirrung erkennen lassen, auch durch Delirien, Denk- und Gedächtnisschwäche und schließlich durch eine Abstumpfung der Fassungskraft gekennzeichnet sind.

Auch Anfälle von epileptischen Krämpfen mit Starrsucht, Konvulsionen, Kinnbackenkrämpfen, Blutandrang nach dem Kopf und Kopfschmerzen sind typisch.

Die Augen weisen einen abwesenden Blick und ungewöhnlichen Glanz auf, wobei eine Hervortreibung und Verdrehung sowie Augemuskelkrämpfe vorliegen können.

Auch Bindehautkatarrhe mit schleimigen Absonderungen und starker Erweiterung, Trübsichtigkeit, Sehschwäche und Kurzsichtigkeit sind ebenso wie für Belladonna (Atropinum sulfuricum) auch für Hyoscyamus eine Indikation.

Dabei kann es auch zu einer zeitweiligen Lähmung der Netzhaut mit Flimmern und dunklen Punkten im Gesichtsfeld kommen, wobei abnorme Brechungsverhältnisse der Lichtstrahlen vorliegen können, so dass die Gegenstände kleiner erscheinen, verrücken oder dass die Umrisse verzerrt werden. Auch können die Gegenstände in scharlachrotem Licht erscheinen oder in goldglänzender Färbung. Doppeltsehen kann auftreten.

Auch beim Gehör können sich Störungen finden mit vollständiger Taubheit, Schmerzen im Ohrknorpel und Ohrenreißen, besonders abends.

In den Prüfungen wurden auch beobachtet krampfhafte Spannung und schmerzhafte Steifigkeit der Nacken- und Schultermuskulatur mit reißenden Rücken- oder Lendenschmerzen und Anschwellung des Fußgelenkes, ferner Zittern des Armes und rheumatoide Schmerzen im Ellbogen- und Handgelenk mit Anschwellung und Steifigkeit der Hände, Gefühlsabstumpfung und Eingeschlafenheitsgefühl in Arm und Hand.

Ähnlich wie bei Belladonna kann eine Lähmung und Kälte der Unterglieder vorhanden sein, mit Schmerzen in den Hüftgelenken oder den Knie- oder Fußgelenken, Schwäche der Beine, Schwellung der Füße und Reißen in der Fußsohle. Je nach der angewandten Dosis kann sich eine verstärkte und unregelmäßige Herzkontraktion und ein beschleunigter, voller und starker Puls mit Pulsieren der Herzschlagadern oder ein kleiner beschleunigter, beziehungsweise verlangsamter, kaum fühlbarer aussetzender Puls finden.

Die Erscheinungen an den Respirationsorganen sind durch Katarrhe des Kehlkopfes, der Nasenschleimhaut und der Bronchien mit grün-schleimigem Auswurf beim Husten, Brustbeklemmung und Kurzatmigkeit gekennzeichnet. Beim Einatmen werden Stiche in der Brust empfunden (Bryonia). Der krampfhafte, trockene Husten zeigt eine starke nächtliche Verschlimmerung, besonders beim Liegen, beim Aufrichten vergehend, ein Leitsymptom, das zur Verordnung von Hyoscyamus führen sollte.

Auf Hyoscyamus sollte auch immer das Symptom des Knirschens der Zähne im Schlaf hinweisen, wobei man sonst auch an Ignatia und an Cina denkt.

Die akute Angina tonsillaris reagiert meist nicht nur auf Belladonna, sondern auch auf Hyoscyamus, wenn die Empfindung von großer Trockenheit, Kratzen und Brennen im Gaumen und im Schlund mit Schluckbeschwerden wegen entzündlicher Anschwellung der Mandeln besteht.

Dabei kann eine Abscheu vor Getränken vorliegen. Nach dem Trinken finden sich konvulsive Bewegungen mit Bewusstseinsstörungen, eventuell auch Würgen ohne Erbrechen mit Übelkeit, Magenschmerzen mit starkem Meteorismus, Blähungsbeschwerden und heftigen Koliken, Stuhlverstopfung und Entleerung fester oder auch diarrhöischer Stühle mit Kollern im Bauch und Leibschneiden. Typisch soll auch ein häufiger Abgang von Madenwürmern sein und Hämorrhoidalabsonderungen.

Entzündliche Erscheinungen und lähmungsartige Schwäche finden sich auch an der Harnblase mit häufigem Harndrang und schmerzhaftem, geringem Urinabgang, eventuell verbunden mit Erektionen und bis zur Satyriasis gesteigerter Tätigkeit der auf die Sexualität gerichteten Phantasie, verbunden mit temporärer Impotenz, während sich beim weiblichen Geschlecht entzündliche Affektionen der Scheidenschleimhaut mit gesteigertem Trieb, heftiger Erregung der Phantasie und Nymphomanie finden, auch Launigkeit und Stimmungsschwankungen, zu frühes Eintreten der Menstruation (14 Tage früher) mit heftigen Blutungen.

Wenn die Hauptsymptome von Hyoscyamus zusammengefasst werden, so ergibt sich folgendes typische Arzneimittelbild:

  • Erscheinungen von Hirnreizungen mit Konvulsionen, Muskelzuckungen, Katalepsie, epileptiformen Krämpfen. Geistesstörungen, charakterisiert durch Albernheit und Verwirrtheit oder erotische ekstatische Zustände.
  • Augenaffektionen. Konjunktivitis. Doppeltsehen. Rotsehen der Gegenstände.
  • Nächtliches Ohrenreißen. Schwerhörigkeit und Gesichtsschmerzen. Eifersuchtswahn.
  • Krampfhafte, nächtliche Kitzelhustenanfälle mit Besserung beim Aufsitzen. Grünschleimiger Auswurf beim Husten. Trockenheit in Hals, Kehlkopf und Lungen.
  • Nasenbluten. Magenschmerzen. Magenschleimhaut- und Darmentzündungen mit Würgen, Erbrechen, Koliken, Durchfall.
  • Blasenkrämpfe. Blasenlähmung mit Erregung der Geschlechtssphäre, zu frühe und zu starke Menstruation.
  • Rheumatische oder gichtige Affektionen in Nervenbahnen und Gelenken.

Kommission-D-Monographie

Die Aufbereitungskommission D hat in ihrer Monographie Hyoscyamus niger die folgenden Hauptindikationen für Hyoscyamus im Bundesanzeiger veröffentlicht: Unruhe und Erregungszustände. Schlafstörungen. Spastische Zustände der Atemwege und der Verdauungswege.