Mercurius solubilis Hahnemanni

Synonym: Hydrargyrum oxydatum nigrum

Deutsche Stoffbezeichnung: Gemenge, das im Wesentlichen Mercuroamidonitrat enthält

Verwendet wird ein Gemisch, das im Wesentlichen aus Quecksilber(II)-amidonitrat und metallischem Quecksilber besteht; der Gesamtquecksilbergehalt (Hg, AG 200,6) entspricht den Anforderungen des gültigen HAB.

Aus der großen Reihe der verschiedenen Quecksilberpräparate, die sowohl aus dem nativen Quecksilber (Mercurius vivus) wie aus dessen Salzen hergestellt werden, hat sich in allererster Linie Mercurius solubilis Hahnemanni einen besonderen Ruf erworben, wenn auch andere Zubereitungen wie Mercurius cyanatus zum Beispiel bei Halsaffektionen und diphtherischer Angina sowie Mercurius bijodatus bei Schleimhautaffektionen, ebenso Mercurius sublimatus corrosivus, ferner Mercurius praecipitatus ruber bei Knochenhautaffektionen und Knochenaffektionen in Gebrauch sind.

Allen Mercurpräparaten ist eine gemeinsame Symptomatologie eigen, wie zum Beispiel die nächtliche Verschlimmerung, der fötide Mundgeruch, Drüsenschwellungen, Empfindlichkeit gegen kalte Luft, Zahneindrücke und Zungenbelag sowie reichliche Schweißbildung, die sich in besonders ausgeprägter Form bei Mercurius solubilis finden.

Speziell die geschwollene, schlappe Zunge, welche die Eindrücke der Zähne zeigt (ähnlich wie bei Chelidonium, Podophyllum, Arsenicum und Rhus toxicodendron) ist bei fieberhaften Erkrankungen fast regelmäßig festzustellen. Dabei ist die Mercurius-Zunge feucht, bei heftigem Durst, wobei vielfach Speichelfluss besteht, der wie Seifenschmiere zäh sein kann, bei ausgesprochen üblem Mundgeruch, der das ganze Krankenzimmer verpestet. Dabei ist es durchaus nicht erforderlich, dass eine Erkrankung des Mundes, wie Stomatitis, Gingivitis, oder des Halses, wie Angina tonsillaris oder auch eine Nebenhöhlenaffektion oder eine Leber-Gallenerkrankung vorliegt. Der Zungenbefund und Mundgeruch kann bei allen Mercur-Indikationen vorliegen oder angedeutet sein, zum Beispiel auch bei Hydronephrose, für welche Mercurius solubilis ebenfalls ein wichtiges Heilmittel ist. Meist finden sich auch die für Mercurius solubilis charakteristischen Schweiße, die profus sind und nicht erleichtern.

Die Hauptindikation für Mercurius-Präparate jeder Art, besonders aber für Mercurius solubilis, sind Suppurationen, speziell Abszesse, Furunkel, Impetigo contagiosa, nässende und eiternde Ekzeme, Karfunkelbildung, Phlegmonen, Pyurie, Empyeme, Sinusitis mit eitriger Absonderung, Otitis media mit Eiterbildung, Bronchitis mit Neigung zu gelblichem, eitrigem Auswurf, Grippe mit heftigem Fließschnupfen und eitriger Sekretion. Auch akute Schleimhautaffektionen entzündlicher Art, wie Dysenterie mit schleimigen, blutigen Stühlen, schneidenden Schmerzen und Tenesmen sind eine Indikation für Mercurius solubilis, letztere auch für Mercurius sublimatus corrosivus. Auch bei Chalazion und Hordeolum ist Mercurius solubilis indiziert, wenn eine starke Empfindlichkeit bei Berührung und Lichtscheu besteht, ebenso eine Verschlimmerung nachts und durch Wärme. Hier verabfolgt man es am besten im Wechsel mit Hepar sulfuris calcarea.

Besonders gut reagieren auf Mercurius solubilis auch schwerwiegende Augenaffektionen wie Skleritis mit Schrumpfung des Auges, eventuell auch das Glaukom. Auch Appendizitis, blutende Hämorrhoiden mit Entzündungserscheinungen, Leberaffektionen mit fötidem Mundgeruch, Zahneindrücken, gelbem Zungenbelag und Neigung zu Empyembildung in der Gallenblase, ferner auch Zystitis mit schleimigem Urin sowie Gonorrhö und Folgezustände der Gonorrhö mit heftigen Entzündungserscheinungen, auch Orchitis, Epidydimitis, Oophoritis, Salpingitis, ebenso wie Panaritium und besonders akute und chronische Ekzeme, auch solche skrofulöser Art sind Indikationen für Mercurius.

Zu denken ist auch daran, dass Mercurius solubilis ein gutes Mittel bei Störungen der Gehirnfunktion sein kann. Bekannt ist der Erethismus mercurialis. So wird schwerfälliges Sprechen ebenso durch Mercurius beeinflusst wie der bekannte Tremor mercurialis mit zitternder Zunge. Auch Gelenkrheumatismus und Muskelrheumatismus mit nächtlichen Schweißen und geröteten Gelenken, ferner Masern mit heftigem Fließschnupfen, Augenentzündungen und Durchfall können durch Mercurius solubilis günstig beeinflusst werden.

Eine besonders wichtige Modalität ist die nächtliche Verschlimmerung und die Verschlimmerung in der Bettwärme, was nicht nur für die Suppurationen, sondern auch für verschiedenste Hautkrankheiten gilt.

Früher wurde Mercurius als eines der wichtigsten Präparate zur Behandlung der Syphilis angesehen, was durch die neuerdings ermöglichte abortive Kur mit Höchstdosen von Penicillinen in den Hintergrund getreten ist. Trotzdem empfiehlt es sich, bei syphilitischen Infektionen Mercurius solubilis nebenher mit zu verabreichen, speziell aber bei Lues II und III sind Hg-Zubereitungen (neben bzw. vor der Penicillintherapie) zu empfehlen.

Außer Mercurius solubilis wird häufig noch Mercurius cyanatus angewandt, und zwar speziell bei diphtherischen Anginen oder diphtherischen Schleimhautaffektionen, ähnlich Mercurius jodatus flavus, das charakterisiert ist durch dicken, gelben Belag auf der Zungenbasis, was sich häufig bei Lebererkrankungen, aber auch bei Diphtherie findet.

Mercurius sublimatus corrosivus, das Sublimat, ist speziell bei Schleimhaut- und Hautkrankheiten wirksam, insbesondere auch bei Dysenterie mit heftigen Darmtenesmen. Auch ist Mercurius sublimatus corrosivus bei Folgezuständen von Gonorrhö, speziell bei grünlichem, dünnem Ausfluss sowie bei Fisteleiterungen jeder Art vorzuziehen.

Die günstige Wirkung von Mercurius praecipitatus ruber auf Knochenaffektionen, auf solche des Periostes, zum Beispiel auch bei Hackensporn, Exostosen, ferner auch bei Verdacht auf Hirnabszess oder Arachnoiditis sei erwähnt.

Vermerkt werden mag noch die den Mercurius-Präparaten äußerst eigentümliche Neigung zum Frösteln, die bei beginnender Grippe und beginnenden Infektionskrankheiten sowie bei beginnenden Suppurationen wie Angina tonsillaris, Tonsillarabszess, eventuell aber auch bei Panaritium gefunden wird. Dieses Symptom ist ebenso typisch für Mercurius wie die nicht erleichternden Schweiße und die Verschlimmerung durch Bettwärme.

In Gebrauch sind auch noch Mercurius bijodatus, das bei Iritis syphilitica empfohlen wird (neben Kalmia), ferner bei chronischer Mittelohreiterung und chronischen Nasenkatarrhen sowie bei Psoriasis, Akne rosacea und chronischen Ekzemen mit bedeutenden Hautverdickungen.

Als Quecksilberpräparat mag auch noch erwähnt werden Mercurius dulcis (Kalomel), empfohlen bei Otitis media, Leber- und Gallensteinleiden sowie bei massenhaft auftretenden Askariden, ferner Cinnabaris (Hydrargyrum sulfuratum rubrum), als Zinnober bekannt.

Cinnabaris wird speziell bei postsyphilitischen Erkrankungen gerühmt und ist bei Hornhautaffektionen, Iritis syphilitica sowie bei geschwüriger Zerstörung der Nasenscheidewand, chronischer Blepharitis sowie bei Ulcus cruris und bei Bartflechte empfohlen.

Als Hautmittel und Augenmittel eignet sich besonders gut Mercurius nitrosus, zum Beispiel skrofulöser Konjunktivitis und Keratitis sowie Blepharitis mit stechenden Schmerzen und wunden Lidrändern, ferner bei hartnäckigen Kondylomen.

Wenn die wesentlichsten Mercurius-Symptome zusammengefasst werden, so ergibt sich folgende Charakteristik:

  • Neigung zu Eiterungen jeder Art. Angina tonsillaris, Sinusitis. Appendizitis. Empyembildung (Vesica fellea suis u.a.). Knocheneiterungen. Osteomyelitis. Periostaffektionen. Skleritis. Iritis. Konjunktivitis. Ulcus cruris. Hydronephrose, Zystitis, Pyelitis. Otitis media. Akne vulgaris.
  • Nächtliche Verschlimmerung aller Beschwerden, besonders auch durch Bettwärme. Dabei reichliche, nicht erleichternde Schweiße.
  • Zunge ist dick schleimig oder gelblich belegt, und zeigt Zahneindrücke mit heftigem Durst. Drüsenschwellungen. Fötider Mundgeruch.
  • Empfindlichkeit gegen kalte Luft.
  • Sämtliche Reaktionsphasen, die sich ausweiten und bei denen Belladonna (anfänglich indiziert) nicht ausreichend wirkt beziehungsweise Neigung zu Suppurationen oder flächenhaften Entzündungen der Schleimhäute besteht.

Kommission-D-Monographie

Die Aufbereitungskommission D hat in ihrer Monographie Mercurius solubilis Hahnemanni die folgenden Hauptindikationen im Bundesanzeiger veröffentlicht: Schleimhautentzündungen der Atemwege, des Magen-Darm-Kanals, der Harn- und Geschlechtsorgane. Hauterkrankungen. Mandel-, Lymphdrüsen-, Leber- und Nierenentzündungen. Entzündungen anderer drüsiger Organe. Knochenschmerzen und Rheumatismus. Entkräftende Krankheiten. Gehirngefäßverkalkung.