Secale cornutum

Deutsche Stoffbezeichnung: Mutterkorn

Verwendet wird das auf der Roggenpflanze gewachsene, bei nicht mehr als 40 °C getrocknete Sklerotium von Claviceps purpurea (FRIES) TULASNE. Der Gehalt an Gesamtalkaloiden, berechnet als Ergotamin (C33H35N5O5, MG 581,3) entspricht den Anforderungen des gültigen HAB.

Die aus dem frisch vor der Ernte gesammelten Mutterkorn zubereitete Tinktur enthält im Wesentlichen Alkaloide, die der Clavin- und der Lysergsäure-Serie angehören, des Weiteren finden sich zahlreiche Amine, Xanthonfarbstoffe und etwa 30% Fett.

Die akuten Vergiftungssymptome zeigen sich als Kopfschmerzen mit Pupillenerweiterung, Bauchschmerzen, Absinken der Zahl der Pulsschläge, ferner Übelkeit, Würgen, Brechreiz, Gefühl erhöhter Wärme im Magen und Salivation. Tierversuche lieferten jedoch negative Resultate.

Typisch für die längere Einwirkung von Secale ist die Kribbelkrankheit, Ergotismus, Raphania oder auch die Brandseuche, Ergotismus gangraenosus, indem sich je nachdem mehr nervöse Symptome wie Mattigkeit, Schwindel, Kribbeln, Ameisenlaufen und konvulsivische Zuckungen abwechselnd mit krampfhaften Kontraktionen einzelner Muskelpartien ausbilden, später eventuell Amaurose, oder indem die Tendenz zur Gangrän vornehmlich in den Unter-, jedoch auch in den Obergliedern und in der Nase vorherrschen. Auch grauer Star kann sich ausbilden.

Neben Schlafsucht mit beängstigenden Tränen pflegt sich Niedergeschlagenheit, depressive Traurigkeit, Melancholie mit Anfällen von geistiger Verwirrtheit und Tobsucht auszubilden.

Auf der Haut zeigt sich ein Gefühl von Prickeln und Ameisenlaufen, mit blitzschnell ziehenden Schmerzen unter der Haut, die welk, blass, kühl und schrumpfig ist, eventuell auch Empfindungslosigkeit gegen Einstiche zeigt, wobei eine gewisse Blutleere der Kapillaren besteht (Wunden bluten nicht). Aber auch Petechien im Kapillarnetz, Ekchymosen in Schleimhäuten, bläuliche Verfärbung einzelner Teile mit Frieselausschlag und Brandblasenbildung und nässenden Geschwüren kann sich ausprägen.

Besonders die psychischen und intellektuellen Funktionen sind gestört, indem erschwertes Denken und Sprechen sowie mangelhaftes Verstehen und Erfassen, eine gewisse Stumpfsinnigkeit, große Vergesslichkeit und Verstandesschwäche mit Sinnestäuschungen, ja mit Halluzinationen und Delirien, die sehr massiv werden können, vorherrschen.

Dabei besteht Blutandrang nach dem Kopf mit Schwindelanfällen und ein Zustand wie von Rausch und Betäubung mit Taumeln und Unvermögen sich aufrecht zu halten.

Der Kopf ist schwer mit dem Gefühl des Klopfens und dumpfen Kopfschmerzen. Die Gesichtszüge sind eingefallen, zeigen ein blasses, gelbliches Kolorit oder ein dunkel gerötetes Gesicht mit Hitzegefühl und eventuell mit Kinnbackenkrampf.

Die Augenlider können anschwellen mit Verengung oder auch Erweiterung der Pupillen (je nach der Dosis), auch Doppeltsehen, Schielen, Funken-, Flecken- und Nebelsehen und totale Lähmung des Sehvermögens können eintreten.

In den Ohren wird Brausen und Sausen mit Schwerhörigkeit empfunden. Symptome von Meningismus mit Nackensteifigkeit, Muskelschwäche und zeitweise eintretenden Muskelschmerzen mit Spasmen und Schwere der Glieder sowie mit ziehenden und zuckenden Schmerzen; auch Krämpfe, Zuckungen und Zittern der Glieder können eintreten, ebenso Starrheit und Steifigkeit der Glieder und Gelenke, verbunden mit Unempfindlichkeit und Taubheitsgefühl, Kribbeln und Ameisenlaufen, Kälte und Lähmungszustände der Glieder, auch Kontrakturen mit Starrkrampf an Fingern und Zehen, Wadenkrämpfe sowie Gangrän der Hände und Füße.

Es findet sich krampfhaftes Herzklopfen bei eventuell zunächst Verzögerung der Herzkontraktion, ein oft aussetzender kleiner und häufiger Puls, brennende innere Hitze mit großem Durst und Angstgefühl, allgemeinem kaltem und klebrigem Schweiß, auch Brustbeklemmung, Atemnot, eventuell Blutspucken und Nasenbluten.

Seitens der Verdauungsorgane zeigt sich Speichelfluss, Kribbelgefühl in der Zunge mit Brennen und Trockenheit im Schlund, ein ungewöhnlicher und kaum zu stillender Durst mit eventuell außerordentlichem Heißhunger, der aber von Aufstoßen unangenehm riechender Gase, von Sodbrennen, Ekel, Übelkeit, Erbrechen von Schleim, Galle sowie leichtem Erbrechen der genossenen Speisen, ohne dass der Appetit dadurch beeinträchtigt würde, durch drückende und krampfhafte Schmerzen im Magen mit aufgetriebenen Bauchdecken und Meteorismus beeinträchtigt wird. Dabei können auch Tenesmen ohne Entleerung vorhanden sein oder auch erschöpfende Durchfälle und unwillkürlicher Abgang wässriger Stühle.

Auch Schwierigkeiten beim Urinabgang mit Brennen in der Harnröhre und tropfenweisem und seltenem Urinabgang, ferner das Gefühl krampfhaften Ziehens im Samenstrang, wie wenn die Hoden an den Bauchring herangezogen würden, ist für Secale typisch.

Die Menstruation kann ausbleiben bei heftigen Gebärmutterkontraktionen und gesteigerter Wehentätigkeit.

Die Hauptwirkung von Secale cornutum erstreckt sich auf die peripheren Gefäße, wo sich Brand (Gangrän) ausbildet, das „Ignis sacer“ des Mittelalters, als mit Mutterkorn verunreinigtes Roggenbrot gegessen wurde.

Ferner ist charakteristisch für Secale die Beeinträchtigung der zentralen psychischen Steuerung des Gehirns, die durch Exaltationen, Stumpfsinn oder stark übersteigerte Erregtheit charakterisiert ist, etwa den Motivationen der „Kinderkreuzzüge“ dem Mittelalter entsprechend, oder auch die Beeinträchtigung der vegetativen zentralen Steuerung mit Ausbildung von spastischen Erscheinungen im gesamten Gebiet des Abdomes und nicht zuletzt auch des Genitals, speziell charakterisiert durch eine tonisierende Wirkung auf den Uterus, auf welchem Gebiet Secale eine dominierende Position bei Blutungen post partum gewonnen hat. Wenn die Hauptsymptome zusammengefasst werden, so ergibt sich folgendes typische Arzneimittelbild:

  • Neigung zu Petechien, Ekchymosen, Nasenbluten, Lungenblutungen, Uterusblutungen.
  • Taubheitsgefühl. Ameisenlaufen. Krampf- und Lähmungszustände der Extremitäten. Gangrän, besonders bei adipösen Diabetikern. Raucherbeine. Ulcera varicosa.
  • Zerebrale Erregungszustände mit Veitstanz sowie Krämpfe mit maniakalischen Erregungszuständen.
  • Magenkrämpfe, Koliken, erschöpfende Durchfälle, Cholerine, Lähmung des Musculus sphincter ani. Gieriger Appetit mit Verlangen nach Saurem. Singultus. Erbrechen. Meteorismus. Choleraartige Stühle bei eisiger Kälte. Kann Zudecken nicht vertragen. Unfreiwillig abgehende Stühle bei weit offenstehendem Anus (Boericke).
  • Starke Menstrualblutungen, auch Blutungen post partum. Erschlaffung des Uterus. Sickerblutungen aus dem nicht genügend zusammengezogenen Uterus post partum. Bei Gaben des Fluid-Extraktes Pagots Gesetz beachten: „So lange sich im Uterus irgendetwas befindet: Kind, Plazenta, Membranen, nicht Secale geben!“ (Boericke).
  • Typisch für Secale sind das Verlangen nach Kälte und der große, bisweilen unstillbare Durst. Auch Nash weist auf das wichtige Leitsymptom hin: große Kälte, (objektiv) der Körperoberfläche, dennoch kann der Kranke das Zudecken nicht vertragen“, was sich bei Cholera sowie bei Gangrän findet, ebenso wie das Symptom: „Brennen an allen Körperteilen, als ob Funken darauf gefallen wären“.

Kommission-D-Monographie

Die Aufbereitungskommission D hat in ihrer Monographie Secale cornutum die folgenden Hauptindikationen im Bundesanzeiger veröffentlicht: Gebärmutterkrämpfe, Muskelkrämpfe, Krampfleiden, Lähmungen, Durchblutungsstörungen bei Schlagaderkrankheiten, Blutungsneigung.