Sulfur

Deutsche Stoffbezeichnung: Schwefel

Verwendet wird Schwefel, S, AG 32,06. Der Gehalt entspricht den Anforderungen des gültigen HAB.

Dieses unentbehrliche Polychrest ist ein Zentralmittel des homöopathischen Arzneischatzes und wird sowohl bei akuten, häufiger aber bei chronischen Fällen mit Erfolg eingesetzt. Sulfur vermag ferner, je nach Art des Falles, in verschiedensten tiefen oder höheren Potenzen, selbst in Höchstpotenzen, grundlegend umstimmende Wirkungen zu entfalten, die – physiologisch-chemisch bzw. enzymologisch definiert – auf dem Wiederingangkommen gestörter fermentativer Entgiftungsmechanismen beruhen.

Nash bezeichnet Sulfur unter Bezugnahme auf Hahnemann als den König der Antipsorika.

Wenn sowohl bei humoralen wie bei zellulären Phasen gut indizierte Mittel nicht wirken wollen, so wird empfohlen, Sulfur einzusetzen, um die durch eine psorische Konstitution, das heißt also durch frühere Rückvergiftungen (sprich: Fermentblockierungen) bedingte Behinderung von Arzneiwirkungen damit auszuschalten.

Hier müssen einige Ausführungen zu dem Begriff der Psora gemacht werden:

Der von Hahnemann aufgestellte Begriff Psora hatte in Anbetracht der Tatsache, dass zu Hahnemanns Zeiten der Krankheitsbegriff als solcher noch keine endgültige und naturwissenschaftlich fundierte Deutung erfahren hatte, daher ebenfalls keine wissenschaftlich fassbare Definition erfahren. Man erging sich in Spekulationen und personifizierte abstrakte Begriffe, wodurch viel Verwirrung angerichtet wurde.

Durch die Homotoxikologie ist nun jedoch der Begriff der Psora Hahnemanns als eine charakteristische Rückvergiftungssituation herausgestellt worden, bedingt durch reversible Blockierung oder irreversible Zerstörung von Fermentsystemen. Je nach dem Grad der Schädigung lassen sich durch die antihomotoxische Therapie Besserungen oder Heilungen erzielen. Derartige Rückvergiftungen entstehen durch Hemmung von Entgiftungs- und Ausscheidungsvorgängen.

Wenn Ausscheidungen irgendwelcher Art, die in jedem Falle der Entgiftung dienen, einerlei ob es sich um Fußschweiß als Exkretionsphase oder um seröses Exsudat bei Ekzem und Dermatitis oder um irgendeine Entzündung (Reaktionsphasen) handelt, die ja ebenfalls der Entgiftung von Homotoxinen dienen, unterdrückt werden, so erfolgt dieses über eine Hemmung oder Zerstörung der mit diesen Entgiftungsfunktionen befassten Fermentsysteme. Dieser Vorgang der Fermentschädigung entspricht der Bildung von Imprägnationsphasen, in schweren Fällen oder bei wiederholten Rückvergiftungen auch von Degenerations- oder Dedifferenzierungsphasen, welche die verschiedensten Symptome der hydraköpfigen Psora zeigen können.

Imprägnationsphasen sind zum Beispiel anazide Gastritis, chronische Gelenkerkrankungen, Myokardschäden, auch die postinfektiöse Anämie, Leberparenchymschäden, Bindegewebsschäden, also zahlreiche Erkrankungen, welche heute als Therapieschäden bekannt werden.

Es ist bekannt, dass durch zahlreiche, stark wirksame Pharmaka wie Sulfonamide, Antibiotika, Antifebrilika usw. derartige Therapieschäden oder unerwünschte Wirkungen ausgelöst werden können, die auf Fermentblockierungen oder Fermentzerstörungen beruhen und weitgehend mit dem Begriff der Psora gleichgesetzt werden können.

Die Selbsthilfetendenz des Organismus lässt sich hervorragend durch Sulfur unterstützen. Dabei hängt der endgültige Erfolg nicht zuletzt auch davon ab, in welchem Umfang die retoxische Schädigung erfolgt ist, das heißt ob es sich noch um reversible Imprägnationsphasen oder bereits um mehr oder weniger irreversible Degenerations- oder Dedifferenzierungsphasen handelt.

In vielen Fällen einer noch reversiblen Fermentblockierung pflegt Sulfur oft schlagartige Wirkungen zu entfalten, indem wie mit einem passenden Schlüssel der gesamte Krankheitszustand gewissermaßen aufgeschlossen wird beziehungsweiße der Naturheiltendenz ein breiter Weg geöffnet wird, charakterisiert durch die wieder in Gang gesetzten physiologischen Fermentfunktionen der allgemeinen Entgiftung (System der Großen Abwehr).

Die auf die Medikation von Sulfur hin in Gang kommende Entgiftung äußert sich durch Vikariationseffekte im Sinne der regressiven Vikariation, wie sie von verschiedensten Ärzten beschrieben wurden. So berichtet Nash von einer Patientin, die 14 Jahre lang magenkrank und fast bis zum Skelett abgemagert war. Anamnestisch stellte sich heraus, dass sie vor ca. 15 Jahren ein Ekzem am Nacken und Hinterkopf durch eine hochwirksame Salbe unterdrückt hatte und seitdem niemals eine Spur mehr von dem Ekzem in Erscheinung trat. Nash verordnete eine Gabe Sulfur D200. Nach drei Wochen kam der Ausschlag wieder heraus, und die Magenbeschwerden waren vollständig behoben.

Es kann hierbei bemerkt werden, dass durch höhere Potenzen von Sulfur übermäßige Reaktionen im Allgemeinen nicht ausgelöst werden. Diese treten im Allgemeinen nur bei Verwendung tieferer Potenzen in Erscheinung, so dass es sich empfiehlt, bei extrem chronischen Fällen entweder sofort oder nach anfänglichem Einsatz von Tiefpotenzen (oder Potenzenaccord von Tief- und Hochpotenzen) sich der Hoch- und Höchstpotenzen von Sulfur zu bedienen.

Ähnliche Fälle hat sicherlich jeder homöopathisch arbeitende Arzt, der Experimente mit Hochpotenzen macht, ebenfalls gelegentlich beobachtet. Es darf aber betont werden, dass zur Erzielung derartiger Wirkungen in den meisten Fällen übliche Injektionen von Sulfur genügen, um regressive Vikariationen im Sinne des Ingangkommens einer natürlichen Heilung auszulösen.

Typisch für Sulfur-Indikationen bei Imprägnationsphasen ist das Befallensein der Haut, welche juckt und nach dem Kratzen brennt. Der Organismus versucht, die intermediären Homotoxine, speziell das Histamin, über das Integument abzuleiten. Dabei bestehen Tendenzen zur regressiven Vikariation in Form der Ausprägung von Reaktionsphasen wie Ausflüsse verschiedenster Art, die wundmachend sind und die Körperöffnungen röten, ferner ein sehr unangenehmer Körpergeruch trotz häufigen Badens, ähnlich wie bei Psorinum. Die Patienten können dabei aber das Waschen und das Baden nicht vertragen. Daher erscheinen die Sulfur-Patienten meist als schmutzige, unreinliche Leute, die zu Hautleiden neigen.

Das Brennen und das Jucken finden sich allenthalben, nicht nur auf dem Scheitel, in den Augen, im Gesicht, sogar in der Zunge sowie bei Aphthen im Mund, Brennen im Magen und Rektum, Brennen und Jucken bei Hämorrhoiden, Brennen in der Harnröhre, Brennen und Jucken in der Vulva, an den Brustwarzen, zwischen den Schulterblättern, an Händen und Füßen, so dass sie aus dem Bett gestreckt werden müssen, um sie abzukühlen; alles dies sind typische Sulfur-Indikationen.

Es ist nicht möglich, selbst nicht alle wichtigen Symptome von Sulfur hier aufzuzählen. Dieses erklärt sich daraus, dass Sulfur das große Heilmittel praktisch bei allen zellulären Phasen ist, speziell bei Imprägnationsphasen, welche noch die Tendenz zeigen, sich regressiv umzusetzen. Fast jedes Symptom, das sich klinisch bei Dyskrasien der verschiedensten Art äußert, bei Skrofulose, bei chronischen Ulzerationen, Furunkeln, bei verschiedensten Tumoren, Finger- und Nagelgeschwüren, Ulcera cruris, Dermatosen, asthmatischen Beklemmungen, Herzbeengungen und Herzmuskelschäden infolge retoxischer Imprägnierung bei der Behandlung von akuten Erkrankungen (Angina tonsillaris, Grippe, Scharlach usw.), kann durch Sulfur irgendwie günstig beeinflusst werden und findet sich fast stets auch in den umfangreichen Symptomverzeichnissen und Prüfungsprotokollen von Sulfur.

Ein wichtiges Symptom ist auch die Rötung aller Körperöffnungen und speziell der Ohren, wodurch beim ersten Aspekt schon ein Hinweis auf Sulfur gegeben wird. Auch die im Klimakterium so häufigen Hitzewallungen werden günstig durch Sulfur beeinflusst (sonst auch durch Sepia, Lachesis, Sanguinaria u.a.), in schwersten Fällen eventuell durch Acidum sulfuricum.

Ferner können die bei Imprägnationsphasen oft beobachteten Schwächeempfindungen eine Indikation für Sulfur sein, so zum Beispiel die vormittags gegen 11 Uhr auftretende Schwäche und Flauheit im Magen, welche zum Essen zwingt. Ebenso erfordern morgendliche Durchfälle, die aus dem Bett treiben und offensichtlich der Ausscheidung von Homotoxinen dienen, was durch die danach folgende Erleichterung deutlich wird, die Medikation von Sulfur.

Es darf darauf hingewiesen werden, dass Schwefel einer der wichtigsten Gewebebestandteile des Organismus ist. Bekanntlich besteht die Grundsubstanz aus Proteoglykanen und Glucosaminoglykanen sowie Struktur- und Vernetzungsglykoproteinen (Kollagen, Elastin, Fibronektin u.a.).

Je schwefelreicher das Bindegewebe ist, desto gelartiger ist es. Durch Schwefel-Injektionen in potenzierter Aufbereitung wird das Bindegewebe schwefelärmer und widerstandsfähiger, indem der Gewebsschwefel durch diese Injektion mobilisiert und ausgeschieden wird (Umkehreffekt), was August Bier und Mitarbeiter in zahlreichen Experimenten nachgewiesen haben. Damit wird die günstige Wirkung von Sulfur-Injektionen bei Arthrosen und primär chronischer Arthritis verständlich.

Bekanntlich enthalten zahlreiche Fermente Sulfidgruppen wie zum Beispiel das Coenzym A, die Zytochrome und viele andere. Es ist weiterhin bekannt, dass durch Chemotherapeutika und Schwermetalle diese SH-Gruppen besonders leicht blockiert werden und dass hierauf unter anderem die häufig nach Chemotherapie auftretenden Therapieschäden beruhen.

Durch Darreichung von Schwefelverbindungen in entsprechender, dem biologischen Milieu angepasster (homöopathischer) Verdünnung können derartige Schädigungen, soweit sie überhaupt noch reversibel sind, vielfach wieder rückgängig gemacht werden. Die dann wieder einsetzenden fermentativen Entgiftungsfunktionen äußern sich als regressive Vikariation mit Wiederauftreten der eventuell früher retoxisch abgeheilten Erkrankungen, wie Ekzeme usw.

Ohne die durch die Homotoxikologie erfolgte Ordnung der verschiedenen Krankheiten und ohne die Kenntnis ihrer gegenseitigen Beziehungen kann die Wirkung eines derartig großen Heilmittels, wie es der Schwefel darstellt, kaum erfasst werden. Daraus wird aber auch der Symptomenreichtum des Arzneimittelbildes von Sulfur verständlich, ebenso die Tatsache, dass nicht nur Imprägnationsphasen, sondern eventuell auch noch Degenerationsphasen und möglicherweise auch noch Dedifferenzierungsphasen, in jedem Falle aber das große Heer der Depositionsphasen und Reaktionsphasen (letzteres besonders im Falle von Ausweichphasen oder bei psorischer Belastung) eine günstige Beeinflussung durch Sulfur erfahren können.

Erinnert sei diesbezüglich an den Vortrag von Prof. Stiegele in Freudenstadt, auf welchem er bekanntgab, dass er während der langen Jahre seiner ärztlichen Tätigkeit, obwohl er eigentlich kein Hochpotenzler war und darüber sonst nie berichtet hat, dennoch stets mit Hochpotenzen experimentierte und dabei zahlreiche erstaunliche Wirkungen feststellen konnte.

Unter anderem schilderte Prof. Stiegele den Fall eines Jungen, der an einer Wanderpneumonie erkrankt war und bei dem jegliche Hilfe aussichtslos erschien, weil kein homöopathisches Mittel eine grundlegende Wirkung zu erzielen vermochte. Prof. Stiegele zog damals einen bekannten Kliniker hinzu, der den Fall ebenfalls aufgab. Nun verabreichte Prof. Stiegele am gleichen Abend eine Gabe Sulfur D200 mit dem überraschenden Erfolg, dass die seit Wochen und Monaten erwartete Krise über Nacht eintrat und der Patient erstmals am nächsten Morgen fieberfrei war. Nach kurzer Rekonvaleszenz war die Genesung vollkommen.

Derartige Beobachtungen sind für die Sulfur-Wirkung charakteristisch. Man soll deshalb bei allen jenen Fällen, die auf gut indizierte Biotherapeutika-Antihomotoxika nicht ansprechen, Sulfur in verschiedenster Form interponieren, zum Beispiel in Form intravenöser Injektionen von Sulfur in Potenzenaccorden beziehungsweise in spezifischen, insbesondere auch bei Viruserkrankungen angezeigten, Kombinationspräparaten, wobei es einerlei ist, ob es sich um einen Fall von chronischer Endokarditis septischer Art (Leimbach: Homotoxin-Journal 3, 151 [1964]) handelt oder um Asthma bronchiale, um chronische Herzerkrankungen, Dermatosen, Lebererkrankungen, chronischen Rheumatismus oder gichtige, arthrotische Beschwerden, um akute Pneumonie, um Skrofulose in ihren verschiedenartigen Formen, um chronische Ernährungsstörungen bei Erwachsenen wie Kindern sowie um erschwerte Rekonvaleszenz, dyspeptische Zustände, Hämorrhoiden, chronische Magenschwäche, Hydrozephalus, chronische Erkrankungen der weiblichen Genitalien, zum Beispiel Ovarialzysten, Ulcera varicosa (hier Vorsicht mit zu tiefen Gaben, da die Ulcera bei nicht streng durchgeführter sutoxinfreier Ernährung sonst eine enorme Ausweitung annehmen können) sowie bei Wechseljahrsbeschwerden, bei Diabetes mellitus und zahlreichen zellulären Phasen.

Es ist kaum möglich, einen erschöpfenden Überblick über die Sulfur-Wirkungen im Rahmen einer kurzen Charakteristik zu geben. Man denke stets an Sulfur, wenn folgende Symptome und Erscheinungen hervorstechen oder das Bild beherrschen:

  • Herausstrecken der Füße aus dem Bett, die eventuell tagsüber kalt sind.
  • Hitzewallungen und Hitzegefühl sowie Brennen an den verschiedensten Körpergegenden, eventuell mit Schweißausbrüchen und mit Verlangen nach frischer Luft.
  • Juckreiz bei Hauterkrankungen sowie essentiell, nachfolgend häufig Brennen (Phosphorus, Arsenicum album).
  • Chronische Hauterkrankungen, Lichen ruber planus, Akne vulgaris, Ekzeme, Neurodermitis, Dermatosen, verbunden mit unangenehmem Körpergeruch und Abneigung gegen Waschen und Baden (besonders im kalten Wasser), mit viel Juckreiz (besonders nachts). Urticaria, Quinke-Ödem.
  • Gerötete Schleimhäute, besonders an den Körperöffnungen. Auffallend rote Lippen und rote Ohren, rote Augenlider mit Neigung zu skrofulösen Entzündungen, Gerstenkörnern, Blepharitis ciliaris.
  • Hämorrhoidalbildung mit Rötung und Jucken am After.
  • Morgendliche Durchfälle, die aus dem Bett treiben.
  • Schwäche und Flauheit im Magen gegen 11 Uhr vormittags, zum Essen zwingend. Dabei Abneigung gegen Fleisch und Unverträglichkeit von Milch.
  • Vikariationseffekte im Sinne der retoxischen Imprägnierung, das heißt Imprägnationsphasen und zelluläre Phasen der verschiedensten Art, welche die Tendenz der regressiven Vikariation zeigen, aber nicht zur Durchsetzung bringen können. Jegliche Folgen von unterdrückten Ausscheidungen jeder Art. Bei Viruskrankheiten in Form eines geeigneten homöopathischen Kombinationspräparats.
  • Herzbeschwerden. Druck wie ein Gewicht, wie ein Stein auf der Brust.
  • Schlaflosigkeit: kann nicht einschlafen, dabei Hitze in den Füßen, Juckreiz, auch asthmatische Beschwerden.
  • Sulfur ist stets als Zwischenmittel zu verabreichen, wenn gut indizierte Präparate nicht wirken, in Hoch- und Höchstpotenzen auch bei Degenerations- und Dedifferenzierungsphasen. Je mehr die Phase rechts des Biologischen Schnittes im zellulären Bereich lokalisiert ist, desto höher soll im Allgemeinen die Potenz gewählt werden.

Kommission-D-Monographie

Die Aufbereitungskommission D hat in ihrer Monographie Sulfur die folgenden Hauptindikationen im Bundesanzeiger veröffentlicht: Verschiedene, besonders chronische Hautkrankheiten, juckende Ekzeme und Hauteiterungen. Akute und chronische Entzündungen der Atemorgane, des Magen-Darm-Kanals, der Harn- und Geschlechtsorgane. Leber- und Verdauungsschwäche. Krampfaderleiden, Hämorrhoiden und Blutungen. Herz- und Kreislaufbeschwerden, Blutdruckstörungen. Rheumatische Beschwerden. Schlafstörungen, nervöse Störungen. Schwächezustände. Verhaltensstörungen und Verstimmungszustände.