Veratrum album

Deutsche Stoffbezeichnung: Weißer Germer

Verwendet wird der vorsichtig getrocknete Wurzelstock der in Mittel- und Südeuropa sowie in Nordasien vorkommenden Stammpflanze: Veratrum album L./Liliaceae

Die weiße Nieswurz (Weißer Germer) enthält giftige Alkaloide, von denen die wichtigsten das Germerin, Jervin, Rubijervin und Protoveratrin sind, deren Wirkungen sich hauptsächlich auf die peripheren Nervenendigungen, die quergestreiften Muskeln, auf das Gefäßsystem sowie auf das Herz erstrecken.

Bei Veratrum-Vergiftung weicht anfängliche Erregung der Lähmung. Bei heftigen Kolikanfällen mit Erbrechen und wässrigen Durchfällen kommt es bald zum Kollaps, der für Veratrum typisch ist. Es besteht Schwäche und Hinfälligkeit mit Kälte, Blässe oder Zyanose und Angstzuständen. Besonders typisch sind kalter Stirnschweiß und allgemeiner kalter Schweiß.

Diese Vergiftungs-Symptome können sowohl bei Asthma und anderen chronischen Erkrankungen, besonders bei Gefäß- und Herzerkrankungen auftreten, aber auch akut bei Schock, Vergiftungen, Myokardinfarkt oder Apoplexie das Bild beherrschen. In jedem Falle, wenn kalter Schweiß beobachtet wird, ist Veratrum indiziert.

Nash weist darauf hin, dass Veratrum eines der drei Mittel Hahnemanns gegen die asiatische Cholera ist, neben Camphora und Cuprum metallicum. Auch bei Typhus, Pneumonien, Cholera infantum oder auch bei Obstipation, wenn Intoxikationserscheinungen auftreten und kalter Schweiß auf der Stirn erscheint, ebenso bei Kollaps- und Ohnmachtszuständen sonstiger Art ist in allererster Linie an Veratrum zu denken. Dabei bestehen, besonders wenn reichliche, reißwasserartige Durchfälle mit Blähungskoliken und heftigstem, schneidendem Schmerz vorhanden sind, infolge der Austrocknung auch Muskelkrämpfe, speziell in den Waden, und völlige Erschöpfung nach Erbrechen und Darmentleerung.

Auch aphthenähnliche Ulzera der Zunge bei Stomatitis oder Glossitis werden in manchen Fällen überraschend durch Veratrum gebessert, besonders wenn Brennen besteht und galliger Geschmack sowie Speichelfluss.

Verschlimmerung aller Beschwerden erfolgt nachts in der Bettwärme sowie durch kaltes Essen und Trinken und bei feuchtem Wetter, ebenso bei Rückschlageffekten, zum Beispiel Puerperalmanie, Hysteroepilepsie, wenn die Menstruation aussetzt oder Schweiß unterdrückt wird, auch als Folgen von Schreck, Furcht, Zorn und Ärger. Demgegenüber wirkt Umhergehen und Aufstehen bessernd.

Charakteristisch sind auch die Geistes- und Gemütssymptome. Es besteht eine Manie, auch Nymphomanie, puerperale Manie oder Melancholie mit Erregung oder mit Zornesausbrüchen und Wutanfällen, abwechselnd mit Traurigkeit, Mutlosigkeit, Schwermütigkeit und Mutismus oder auch heitere und fröhliche Erregtheit mit erotischen Vorstellungen. Bei Erregung kann ein unwiderstehlicher Drang bestehen, irgendwelche Gegenstände, zum Beispiel Papier oder Kleider zu zerschneiden oder zu zerreißen, wobei eventuell laszive und frivole Reden, zotige Witze und Redensarten gebraucht werden. Diese große Heftigkeit und Geschwätzigkeit, wobei der Patient eventuell ununterbrochen mit sich selbst spricht, bei Eintritt anderer Personen in das Zimmer aber schweigt, ist charakteristisch für Veratrum und wird zum Beispiel bei Delirium tremens beziehungsweise der Korsakow-Psychose beobachtet.

Ferner finden sich Delirien mit Größenwahn und Furcht gekoppelt, als stehe etwas Schreckliches bevor, eventuell mit Gedächtnisverlust und der Empfindung, als sei alles wie ein Traum.

Für eine ganze Reihe anderer Symptome ist Veratrum indiziert, zum Beispiel Niesreiz und Geruchstäuschungen bei trockener und wunder Nasenschleimhaut (daher auch der Name Nieswurz), gegen Frösteln, Hitze und Schweiße, die einander folgen, Frost im Schweiß sowie Wechselfieber mit Kollaps, Herzklopfen mit Angst, Herzkollaps und Ohnmachtsanwandlungen, fadenförmiger Puls, asthmatisches Zusammenschnüren der Brust.

Auf der Haut finden sich Jucken, Kribbeln, Herpes. Auch Pusteln und urtikariaähnliche Ausschläge können vorhanden sein.

Ähnlich wie bei Sanguinaria können die Schleimhäute von Augen, Nase, Mund, Rachen und Magen gerötet und trocken sein mit heftigem Brenngefühl und eventuell auftretenden Blutungen.

Bei rheumatischen Schmerzen kann Veratrum, ähnlich wie Valeriana, günstig wirken.

Im Allgemeinen werden tiefe Potenzen (D4 bis D6) angewandt, die speziell bei Kollapszuständen eine hervorragende Wirkung zeigen, obwohl auch höhere Potenzen (D30 und darüber) ähnlich gute Wirkungen bei besonderen Fällen erkennen lassen.

Wenn die Symptome zusammengefasst werden, so ergibt sich folgendes hauptsächliche Arzneimittelbild von Veratrum:

  • Kalter Schweiß, besonders auf der Stirn, aber auch sonst am Körper auftretend. Kollapszustände bei Asthma, Kreislauf- und Herzerkrankungen, Apoplexie nach Unfällen (traumatischer Schock), bei Magen-Darm-Erkrankungen und Koliken, Herzinfarkt.
  • Stomatitis aphthosa. Cholera, Dysenterie, Diarrhö, Gastroenteritis acuta.
  • Muskelkrämpfe, besonders Wadenkrämpfe, auch nachts oder nach starken Stuhl-Entleerungen (Cholera) oder bei Folgen von Schreck, Furcht, Ärger, Zorn.
  • Rückschlageffekte nach unterdrückter Menstruation oder gestocktem Lochialfluss usw. in Form von Erregungszuständen mit Manie, Hystero-Epilepsie, Nymphomanie, Korsakow-Psychose. Neigung, Papier und Kleider sowie andere Gegenstände zu zerreißen und zu zerstören. Gewalttätigkeit. Tobsuchtsanfälle. Laszive Reden, Geschlechtliche Erregung. Religiöse Manie. Spricht mit sich selbst. Sonst Mutismus.
  • Koliken jeder Art mit kaltem Schweiß, der auf der Stirn perlt, mit innerem Brennen und Durst auf große Mengen kalten Wassers.
  • Verschlimmerung bei feuchtem Wetter, in der Ruhe und in der Bettwärme, Besserung beim Aufsein und Umherlaufen.

Kommission-D-Monographie

Die Aufbereitungskommission D hat in ihrer Monographie Veratrum album die folgenden Hauptindikationen für Veratrum im Bundesanzeiger veröffentlicht: Drohendes Kreislaufversagen bei Infektionskrankheiten. Durchfallerkrankung. Nervenschmerzen. Gemütsleiden mit Antriebssteigerung